«Selbstbestimmungsrecht»

Dürfen Eltern ihren Kleinkindern Ohrlöcher stechen lassen?

· Online seit 09.12.2023, 08:13 Uhr
«Nicht notwendig – aber herzig», das denken sich wohl viele Eltern, wenn sie ihren Kleinkindern oder Babys Ohrlöcher stechen lassen. Doch ist das ethisch gesehen in Ordnung? Und medizinisch unbedenklich?
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Vor allem bei den kleinen Mädchen und Buben sieht es herzig aus, die winzigen Ohrstecker mit kindgerechten Motiven. Nicht selten kommt es vor, dass die Eltern der Mädchen und Buben schon in frühen Jahren bei ihren Sprösslingen Ohrlöcher schiessen lassen. Das berichtet die «Schweiz am Wochenende». Aber ist das ethisch vertretbar? Dürfen Eltern das für ihre Babys oder Kleinkinder einfach so entscheiden?

Selbstbestimmung vs. Sorgerecht

«Es geht dabei um das Verhältnis zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Kindes und dem Sorgerecht der Eltern», sagt der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri im Zeitungsbericht. Die Diskussion um ein Mindestalter werde deshalb kontrovers geführt. Es handle sich dabei vor allem um eine entwicklungspsychologische und rechtliche Frage.

Da das Ohrlöcher-Stechen keine medizinische Massnahme sei, gebe es dafür auch keine gesundheitsgesetzliche Bewilligungs- oder Meldepflicht. Aus medizinischer Sicht sei das Alter sowieso nicht relevant. «Das Alter ist medizinisch nicht von ausschlaggebender Bedeutung, vielmehr sind es die Handhabung und die konkreten Hygienebedingungen», so Hauri weiter.

«Aus Wunsch der Eltern»

Kulturell betrachtet, handhaben das Eltern je nach Herkunft divers. Doch gibt es hierbei eine offizielle Regelung für ein Mindestalter? Die «Schweiz am Wochenende» hat bei Geschäften in der Stadt Zug, die Ohrlöcher schiessen, nachgefragt, wie sie das handhaben.

Jakob Halef, Geschäftsführer der Bijouterie Victoria von der Halef AG in der Neustadt-Passage in Zug, sagt etwa: «Ja, wir stechen Ohrlöcher auch bei Babys und Kleinkindern. Aber nur, wenn es der ausdrückliche Wunsch der Eltern ist. Es gibt Kulturen, die ihren Kindern früh Ohrlöcher stechen. Aus diesem Grunde verweigern wir es nicht.»

Auch der Geschäftsführer der Apotheke, Drogerie und Parfümerie Moll, Dominik Moll, sagt dazu: «In allen unseren Geschäften stechen wir Ohrlöcher bei Kleinkindern. Aber nur in einem auch bei Babys.» Er würde es grundsätzlich aber lieber sehen, wenn die Kinder alt genug sind um selber den Wunsch nach Ohrschmuck zu äussern und diese dann auch selber auszusuchen.

Erst ab sechs Jahren

Folgende Praxis gilt in der Amavita Apotheke in Zug: «Wir stechen erst ab dem Schulalter, also ab sechs Jahren, Ohrlöcher», sagt Geschäftsführerin Karin Malter gegenüber der Zeitung. Man möchte den Wunsch nach Ohrlöcher dort ganz bewusst dem Kind überlassen. Die Reaktionen der Eltern? Nicht immer positiv. Machen reagieren laut Karin Malter gar empört auf diese Richtlinien.

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(hsa)

veröffentlicht: 9. Dezember 2023 08:13
aktualisiert: 9. Dezember 2023 08:13
Quelle: Luzerner Zeitung

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