Polizei teilt Forderung der fahrenden Roma

31. Oktober 2017, 09:30 Uhr
Die Polizei wird oft aufgeboten, um Fahrende auf Stellplätzen zu kontrollieren. (Archivbild)
Die Polizei wird oft aufgeboten, um Fahrende auf Stellplätzen zu kontrollieren. (Archivbild)
© KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Die fahrenden Roma fühlen sich in der Schweiz immer weniger willkommen. Insbesondere fehlt es ihnen an Raum. Ihre Forderung nach mehr Halteplätzen wird laut einem Bericht von der Polizei unterstützt.

In den Reisemonaten März bis September suchen insgesamt rund 500 bis 800 ausländische Wohnwagen einen Standplatz in der Schweiz. In den Spitzenmonaten Juli und August sind es sogar 1200 bis 1500, wie aus dem Bericht «Fahrende Roma in der Schweiz» hervorgeht, den die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und der Verband Sinti und Roma Schweiz (VSRS) erarbeitet haben.

Den ausländischen Fahrenden stehen aber nur vier Transitplätze in Domat/Ems GR, Kaiseraugst AG, Rennaz VD und Martigny VS mit insgesamt 110 Stellplätzen zur Verfügung. Von den rund 31 Durchgangsplätzen, die flächenmässig etwas kleiner sind als Transitplätze, sind einige nur provisorischer Natur, andere sind nur periodisch geöffnet. Wieder andere, wie der Durchgangsplatz in Winterthur und der ehemalige Transitplatz in Liestal, sind Schweizer Fahrenden vorbehalten.

Wegen des zu geringen Angebots an Durchgangs- und Transitplätzen würden die fahrenden Gruppen geradezu gezwungen, auf den so genannten Spontanhalt auszuweichen, also auf kurzfristige Aufenthalte ausserhalb offizieller Halteplätze. Oft werden Wohnwagen dabei gegen Entgelt bei Landwirten oder auf öffentlichen Gemeindeflächen abgestellt.

In der Regel verliefen diese Halte unaufgeregt. «In einigen Fällen kommt es jedoch zu Konflikten zwischen fahrenden Roma-Gruppen, Landbesitzenden, Behörden und der Polizei», heisst es in dem am Dienstag veröffentlichten Bericht.

Und weiter: Durch die zusätzliche Medienberichterstattung werde antiziganistischen (wörtlich: zigeunerfeindlichen) Vorurteilen Vorschub geleistet. Dadurch wiederum schwinde der politische Wille, für mehr Halteplätze zu sorgen.

Dass es in der Schweiz an Halteplätzen mangelt, ist unbestritten. Experten gehen davon aus, dass es rund zehn zusätzliche Durchgangs- und Transitplätze für Fahrende braucht.

Diese Einschätzung teilen auch fünf für den Bericht befragte Polizisten, die in den stark von Fahrenden frequentierten Kantonen Thurgau, Zürich, Aargau und Bern, vermehrt mit Roma in Kontakt stehen. Der akute Platzmangel sei einer der Hauptkonflikte zwischen den Fahrenden und der Polizei. Politische Versäumnisse würden an die Polizei delegiert, die dann den fahrenden Gruppen erklären müsse, dass es nicht genug Plätze gebe.

Ausserdem werde die Polizei vermehrt ausserhalb ihres eigentlichen Aufgabenbereichs tätig. So werden etwa die meisten Durchgangs- und Transitplätze direkt von der Polizei verwaltet, mancherorts sorgen Polizisten bei Spontanhalten für die nötige Infrastruktur. Daher wünschen sich die befragten Polizisten auch, dass «interkulturelle Kompetenz» in der Polizeiausbildung mehr Gewicht erhält.

Neben dem Platzmangel sehen sich fahrende Roma in der Schweiz mit Vorurteilen gegenüber ihrer Lebensweise, Ethnizität und Kultur konfrontiert. «Diskriminierung, Belästigungen und Rassismus durch Polizei, Behörden, Medienschaffende und die Bevölkerung erleben die Befragten täglich», heisst es in dem Bericht. Immer mehr kommt es offenbar auch zu Konflikten mit Schweizer Fahrenden.

Für den Bericht führten interkulturelle Mediatoren zwischen Mai und August 2017 insgesamt 29 Interviews mit verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern fahrender Roma-Gruppen auf Halteplätzen in der ganzen Schweiz. Die Befragten waren zwischen 17 und 69 Jahre alt und sämtlich erwerbstätig. Alle sind EU-Bürger und stammen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Spanien.

Es zeigte sich, dass die Gruppen hauptsächlich aus beruflichen Gründen in die Schweiz kommen. Einige pflegen seit mehreren Jahren einen fixen Kundenstamm. Neben handwerklichen Tätigkeiten bieten viele der Befragten auch Dienstleistungen wie Maler- oder Gartenarbeit an oder arbeiten als Programmierer oder Webdesigner.

Im Durchschnitt halten sich die Befragten jeweils drei bis sieben Monate in der Schweiz auf. Alle gaben an, über die nötigen Dokumente für Aufenthalt und Erwerbstätigkeit in der Schweiz zu verfügen.

Quelle: SDA
veröffentlicht: 31. Oktober 2017 09:00
aktualisiert: 31. Oktober 2017 09:30