Kultur

Waffenexporte ermöglichten den Aufbau der Zürcher Bührle-Kunstsammlung

17. November 2020, 08:34 Uhr
Emil Bührle erkaufte sich eine Kunstsammlung von Weltrang, finanziert durch Waffengeschäfte.
© Keystone
Eine neue Studie zeigt, wie sich der Unternehmer Emil Bührle mit Waffenexporten an Nazi-Deutschland seine Kunstsammlung und damit seinen Zugang zu den höchsten Zürcher Kreisen erkaufte.

(agl) Ab dem nächsten Jahr soll die Kunstsammlung des Waffenfabrikanten Emil Georg Bührle im neuen Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses gezeigt werden. Doch Bührle, der aus der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) das grösste Schweizer Rüstungsunternehmen Oerlikon-Bührle-Gruppe machte, ist umstritten. Stadt und Kanton Zürich beauftragten Professor Matthieu Leimgruber von der Universität Zürich deshalb damit, die Verflechtungen von Waffen, Geld und Kunst zu untersuchen.

Leimgrubers Studie wurde am Dienstag veröffentlicht. Diese zeigt, wie Bührles Opportunismus ihm im zweiten Weltkrieg zu seinem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg verholfen hat. Der Unternehmer vermehrte zwischen 1938 und 1945 sein Vermögen von 8 Millionen auf 162 Millionen Franken, wie die Universität Zürich in einer Mitteilung schreibt. Im Krieg habe seine Firma zunächst noch Kanonen an die Alliierten geliefert, nach der Niederlage Frankreichs nur noch an NS-Deutschland und die Achsenmächte.

13 Werke galten als Raubkunst

«Es steht ausser Zweifel, dass ihn das Waffengeschäft mit Nazi-Deutschland zum reichsten Mann der Schweiz machte und die erste Grundlage für seine Kunstsammlung bildete», kommt Studienautor Leimgruber zum Schluss. Bührle habe seinen Reichtum und erste Kunstkäufe bereits genutzt, nachdem er 1937 das Schweizer Bürgerrecht erhielt. Als seine Rüstungsfirma ab 1940 die Exporte auf Nazi-Deutschland ausrichtete, wurde Bührle in die Sammlungskommission und kurz darauf in den Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft eingeladen.

Zwischen 1941 und 1945 kaufte Bührle 93 Werke, von denen 13 nach dem Krieg als Raubkunst galten. Er sah sich mit mehreren Restitutionsprozessen konfrontiert und gab die Werke später an ihre jüdischen Besitzer zurück. Neun davon konnte er später jedoch ein zweites Mal erwerben und damit «reinwaschen». Bis zu seinem Tod im Jahr 1956 hatte Bührle über 600 Kunstwerke für rund 39 Millionen Franken gekauft. Das Geld, so Studienautor Leimgruber, stammte aus Waffenexporten vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg.

Gutachter kritisieren die Begleitung durch einen Steuerungsausschuss

Leimgrubers Forschungsarbeit wurde während der Entstehung durch einen Steuerungsausschuss begleitet. Diesem gehörten neben den Auftraggebern von Stadt und Kanton auch Vertreter des Kunsthauses und der Stiftung Sammlung Bührle an. Vor der geplanten Veröffentlichung des Forschungsberichts kam es diesbezüglich zum Vorwurf, die Mitglieder des Ausschusses hätten versucht, den Inhalt des Berichts zu beschönigen.

Als Reaktion legte die Universität Zürich einen Entwurf des Berichts zwei externen Gutachtern vor. Für diese ist Leimgrubers Bericht zwar laut Mitteilung «von hoher wissenschaftlicher Qualität» und sie hielten Vorwürfe über Beschönigung für haltlos. Die Gutachter problematisierten aber dennoch die Begleitung durch den Steuerungsausschuss. Sie empfahlen Leimgruber, zwei Umformulierungen, die er auf Anregung des Steuerungsausschusses vorgenommen hatte, erneut abzuändern. Wie die Universität schreibt, hat Leimgruber dies getan.

Quelle: CH Media
veröffentlicht: 17. November 2020 09:30
aktualisiert: 17. November 2020 08:34