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Mohrenkopf und Co.

Wem schadet denn schon ein bisschen Rassismus?

René Rödiger, 11. Juni 2020, 15:48 Uhr
Die Migros verbannt die «Mohrenköpfe», ein Streamingdienst streicht «Vom Winde verweht» und weltweit fallen die Statuen der Rassisten. Wie das zusammenhängt und was wir selbst gegen Rassismus machen können: Ein Kommentar.
Ein anderer Name würde nichts am Geschmack ändern.
© Keystone

Die Migros nimmt aus zwei Filialen die bekannten und beliebten Dubler-Schokoküsse aus dem Sortiment. Der Grund: Sie sind mit «Mohrenköpfe» angeschrieben. Ist das eine Meldung wert? Leider. Es ist beschämend, wenn man die Schokoküsse noch so bezeichnen will. Meist ja nur noch aus Trotz oder Gewohnheit.

Rassismus beginnt bei der Sprache. Und Rassismus geht von oben, der privilegierten Schicht, nach unten. Sagen wir ab sofort Schokoküsse (oder sonst etwas) zu den «Mohrenköpfen», schadet uns das kein bisschen. Aber es verletzt vielleicht jemanden nicht mehr. Das bedeutet, unser Privileg positiv einzusetzen. Das muss uns dieser Sprachwandel wert sein. Wir haben schliesslich auch ganz andere Namenswechsel überlebt (wer erinnert sich noch an «Raiders»?).

Zensur ist keine Lösung

Der viel spannendere Diskurs wäre in der Rassismus-Debatte der Umgang mit historischen Werken. Seien das Statuen oder Kunst. So hat der US-Streamingdienst HBO max diese Woche entschieden, den Film «Gone With The Wind» («Vom Winde verweht») vom Jahr 1939 aus dem Angebot zu nehmen. Und in diesem Fall können wir von einem wirklichen Problem sprechen.

Beim Rassismus gilt die Devise «Aus den Augen aus dem Sinn» nicht. Es muss eine Auseinandersetzung geben. Filme – und auch andere künstlerische Werke – müssen im historischen Kontext betrachtet werden. «Gone With The Wind» könnte mit einer richtigen Einführung problemlos weiter gezeigt werden. Der Film eignet sich als Diskussionsgrundlage über die Sklaverei. Der Rassismus soll teil der Konversation und nicht einfach verboten oder versteckt werden. Nur so kann ein grundlegendes Umdenken in der Bevölkerung erreicht werden.

Würden wir mit jedem – rückblickend – fragwürdigen Film so umgehen, dürften wir schon bald nichts mehr schauen. Es gibt fast keinen Film, der nicht irgendwie sexistisch, rassistisch, homophob, islamophob oder antisemtisch ist. Es wäre absurd, diese Filme deshalb einfach zu verbieten.

Symbolkraft mit Lerneffekt

Dass Gesten, wie das Vermeiden eines rassistischen Ausdrucks oder der Einbettung eines Kunstwerks in den historischen Kontext, eben doch Wirkung haben können, zeigt sich am Beispiel der gestürzten Statue Edward Colstons in Bristol. Die meisten Leute haben durch diesen Akt wohl mehr über die Sklaverei-Vergangenheit Grossbritanniens gelernt als in der Schule.

Übrigens: Ich habe absichtlich im ganzen Kommentar nicht ein einziges Mal das Wort «Fremdenfeindlichkeit» benutzt. Weil eben auch hier die Sprache den Unterschied macht. Durch das Wort «Fremdenfeindlichkeit» machen wir Menschen zu Fremden, die vielleicht schon seit Generationen hier leben und Rassismus erleben. Es gibt nicht einfach nur «ein bisschen rassistisch».

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 11. Juni 2020 15:13
aktualisiert: 11. Juni 2020 15:48