Flüchtlinge in Not

Diese Frau war bei Rettungseinsätzen im Mittelmeer dabei

Ines Schaberger und Vanessa Kobelt, 15. Oktober 2020, 10:43 Uhr
Elf Tage an Board mit 353 Geflüchteten. Dazu wenig Schlaf, teils schwer Verletzte und die Ungewissheit: Welcher sichere Hafen nimmt uns auf? Journalistin Constanze Broelemann war mit dem kirchlichen Rettungsschiff «Sea Watch 4» unterwegs und erzählt, wie das Erlebte ihr Dasein verändert hat.

«Ich habe mein behütetes Europa verlassen und Dinge gesehen, die viele andere Europäerinnen nie sehen werden. Das hat mich nachdenklich gemacht», sagt Constanze Broelemann im «Gott und d’Welt» Podcast. Die Journalistin aus Chur hat Mitte August von Spanien aus die erste Rettungsmission der «Sea Watch 4» begleitet und im Blog «Seenotizen» darüber berichtet. Die vier Wochen auf dem Mittelmeer hätten sie zu einer anderen Person gemacht.

«Ohne Rettungsweste in Gummibooten»

«In der Such- und Rettungszone haben wir im Schichtsystem das Meer abgesucht und nach Booten in Not Ausschau gehalten», sagt Constanze Broelemann. Geht ein Alarm ein, entscheidet der Kapitän, ob es sich um einen Notfall handelt. Mit Schnellbooten fährt ein Teil der Crew zum Bootsunglück, um die Menschen an Bord des Mutterschiffes zu bringen. «Wir fanden Menschen, die schon zwei Tage lang unterwegs waren», berichtet Broelemann. «Sie sassen ohne Rettungsweste in seeuntüchtigen Gummibooten».

Notfall-Evakuierung  

Das Benzin-Salzwassergemisch, in dem die Geflüchteten oft sitzen, kann zu schweren chemischen Verbrennungen führen. «Eine minderjährige Person musste evakuiert werden, weil sie so schwer verletzt war», sagt Broelemann. Zwei Tage mussten die Ärzte an Bord mit den italienischen Behörden verhandeln, bevor die Küstenwache den jungen Mann abholte.

Die Geretteten schliefen viel, viele waren auch seekrank, berichtet Broelemann. Dann habe die Warterei auf einen sicheren Hafen begonnen. Elf Tage lang musste die «Sea Watch 4» warten, bis ihr ein sicherer Hafen zugewiesen wurde, mit 353 Personen an Bord, davon 90 unbegleiteten Minderjährigen. «Wir waren irgendwann am Limit. Die Crew hat Unmenschliches geleistet». Die Crew, das sind nautisches Personal, Ärzte ohne Grenzen und Aktivistinnen, «starke Persönlichkeiten mit starken Fähigkeiten», wie Constanze Broelemann sie beschreibt.

Soll sich Kirche einmischen?

Was sie verbindet: Sie füllen eine Lücke, die Italien und das restliche Europa hinterlassen haben, als sie die staatliche Seenotrettung einstellten. Unterstützt wird das zivile Bündnis «Sea Watch» auch von der evangelischen Kirche Deutschland, der reformierten Kirche Schweiz und der schweizerischen Bischofskonferenz. Soll sich die Kirche in diesem Fall überhaupt in die Politik einmischen? «Warum nicht?», fragt Constanze Broelemann. «Die Kirche hat den Auftrag, genau hinzusehen, wo Unrecht geschieht und muss sich positionieren.»

Behörden halten Schiff fest

Nach zwei Wochen Quarantäne im Hafen von Palermo ist Constanze Broelemann wieder nach Chur zurückgekehrt. Die «Sea Watch 4» wird von den Behörden zurzeit im Hafen von Palermo festgehalten. «Jeder Tag im Hafen kostet der Sea Watch 4 genau so viel, wie wenn sie unterwegs ist. Nur, dass sie in dieser Zeit keine Menschen retten kann», kritisiert Constanze Broelemann.

Umstrittene Seenotrettung

Die zivile Seenotrettung ist umstritten. Kritiker fürchten, dass sie das Geschäft der Schlepper ankurbelt und mehr Menschen dazu verleitet, die gefährliche Überfahrt nach Europa auf sich zu nehmen. Was Constanze Broelemann dem entgegnet, warum es keine staatliche Seenotrettung mehr gibt und was sie am Mittelmeer erlebt hat, erfährst du in der aktuellen Folge des «Gott und d’Welt» Podcasts.

Ines Schaberger und Vanessa Kobelt
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 15. Oktober 2020 08:52
aktualisiert: 15. Oktober 2020 10:43