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Exoten und Kurioses bei Olympia

René Rödiger, 9. Februar 2018, 14:53 Uhr
Alexander Hassenstein/Getty Images
Für diese Athletinnen und Athleten gilt einzig der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles. Wir stellen die Exoten der Olympischen Spiele vor.

Das Motto «Dabei sein ist alles» wird Pierre de Coubertin zugeschrieben. Der Vater der modernen Olympischen Spiele hat diesen Satz allerdings nie gesagt, das Zitat lautet korrekt: «Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen.»

Und trotzdem hat der Satz für manch einen Athleten bei den Olympischen Spielen eine Bedeutung. Sie können sich - realistisch betrachtet - keine Chancen auf eine Medaille oder ein Diplom ausrechnen. Sie sind aber die «Farbtupfer».

Hier kommt das Exoten-ABC:

A. Abeda, Shannon-Ogbani

Shannon-Ogbani Abeda ist Skifahrer. Im Riesenslalom und im Slalom tritt er für Eritrea an. Eritrea und Schnee? Natürlich nicht! Abeda ist in Kanada geboren und lebt auch dort.

B. Bob

Natürlich denken wir bei Bob, Exoten und Olympia sofort an «Cool Runnings». Ja, Jamaika ist wieder dabei. Dieses Mal sogar mit einem Frauen-Bobteam. Bei Pyeongchang kommt der Exoten-Bob jedoch aus Nigeria. Pilotin Seun Adigun und ihr Team mit Ngozi Onwumere und Akuoma Omeoga kommen ursprünglich aus der Leichtathletik. Für Adigun sind es sogar schon die zweiten Olympischen Spiele: 2012 startete sie in London über 100 Meter Hürden. Dass die Frauen im Bob an den Start gehen können, verdanken sie übrigens einer Crowdfunding-Kampagne. Ganze 75'000 Franken kamen zusammen.

C. «Coconut Fighter»

Pita Taufatofua kommt aus Tonga und startet in Pyeongchang im Langlauf. In den vergangenen Monaten musste er sogar noch auf Geldsuche gehen, er hatte noch keine Ausrüstung. Vor zwei Jahren startete er bei den Sommerspielen in Rio im Taekwondo und bekam den Spitznamen «Coconut Fighter». In Erinnerung blieb er hauptsächlich wegen seines gewagten Oben-Ohne-Auftritts bei der Eröffnungszeremonie:

Clive Brunskill/Getty Images

D. Debütanten

Auch wenn die Medaillen immer an die gleichen Nationen gehen: Bei den Spielen in Südkorea sind 92 Nationen dabei. Darunter sechs Länder zum ersten Mal: Ecuador, Eritrea, Kosovo, Malaysia, Nigeria und Singapur.

E. Eddie «The Eagle»

Michael Edward war weder sportlich noch begabt. Trotzdem wollte er unbedingt Skispringer werden. Als einziger Brite in der Disziplin holte er sich natürlich auch den britischen Rekord von 73,5 Metern - und damit die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1988 in Calgary. Als Eddie «The Eagle» wurde er zum Publikumsliebling.

F. Frimpong

Akwasi Frimpong war Sprinter und wollte bei den Sommerspielen 2012 in London dabei sein. Allerdings verpasste er die Qualifikation. In Sotschi 2014 war er Reservist beim Bobteam der Niederlande und kam so ebenfalls zu keinen Einsätzen. Jetzt soll es endlich klappen: Für sein Geburtsland Ghana geht er in Pyeongchang als Skeleton-Pilot an den Start. Seine Teilnahme finanzierte er übrigens als Staubsauger-Vertreter.

G. Geburtsurkunde

Fuahea Semi ist der zweite Athlet, der für Tonga an den Start geht. Allerdings tritt der Rodler unter einem anderen Namen an: Bruno Banani. Natürlich ein Marketing-Gag, die Unterhosen-Marke aus Deutschland ist sein Sponsor, er bekam nach einem Casting sogar eine richtige Geburtsurkunde auf diesen Namen.

H. Hubertus von Hohenlohe

Der Mexikaner Hubertus von Hohenlohe war lange Zeit der auffälligste Exot bei Olympischen Spielen. Seinen ersten Auftritt hatte der Nachfahre eines fränkischen Adelsgeschlechts in Sarajevo 1984. Seither trat er in verschiedenen Disziplinen 1988 (Calgary), 1992 (Albertville), 1994 (Lillehammer), 2010 (Vancouver) und 2014 (Sotschi) an. Heute ist er 58 Jahre alt und verzichtet auf die Olympischen Spiele. Leider.

I. Ipcioglu

Fatih Arda Ipcioglu tritt für die Türkei an. Er wird sich auf die grosse Skisprung-Schanze wagen. Dass er wirklich eine Konkurrenz für unseren Toggenburger Simon Ammann werden kann, ist eher unwahrscheinlich.

J. Jungbluth

Klaus Jungbluth Rodriguez ist entgegen seinem Namen bereits 38 Jahre alt. Der Ecuadorianer wird über 15 Kilometer im Langlauf gegen Dario Cologna antreten.

K. Kosovo

Nach der Sommer-Premiere in Rio 2016 wird das junge europäische Land auch im Winter dabei sein. In Rio hat damals Majlinda Kelmendi sogar Judo-Gold geholt, Albin Tahiri wird hingegen kaum mit Edelmetall nach Hause kommen. Er tritt in allen Alpin-Rennen an.

L. Luke Steyn

Luke Steyn kommt aus Simbabwe. Er könnte aber auch gut als Schweizer durchgehen. Steyn wuchs hier auf, bereits im Alter von zwei Jahren kam er in die Schweiz. Sein bisher grösster Erfolg blieb aber die Teilnahme in Sotschi 2014. Für Südkorea hat er sich nicht qualifiziert.

M. Malaysia

Gleich zwei Sportler schickt Winterspiele-Neuling Malaysia an den Start. Skifahrer Jeffrey Webb und Eiskunstläufer Julian Yee werden das Land vertreten.

N. Nigerianerin

Sie ist die erste nigerianische Skeleton-Fahrerin bei Olympischen Spielen: Simidele Adeagbo. Im Januar qualifizierte sich die 36-Jährige. Adeagbo wurde in Kanada geboren, wuchs jedoch in Nigeria und im US-Bundesstaat Kentucky auf. Dort holte sie in der Leichtathletik mehrere nationale Titel im Dreisprung.

O. Osttimor

Bereits 2014 trat Yohan Goutt Goncalves als Skirennfahrer für Osttimor an. Der 23-Jährige Eiskunstläufer ist auch in Südkorea wieder dabei, obwohl es lange nicht danach ausgesehen hatte. Nach der Ski-WM 2015 zog er sich vom Sport zurück und half über ein Jahr lang bei humanitären Projekten in Osttimor mit.

P. Philippinen

Schnee und Eis auf den Philippinen? Auch das gab es schon. Michael Christian Martinez hat es 2014 bis nach Sotschi geschafft. Für Südkorea verpasste er ursprünglich die Qualifikation, rutschte aber dank des Rückzugs der Schweden nach.

Q. Qualifikation

Der Wille ist bei allen Exoten da. Für eine Teilnahme braucht es aber auch eine Qualifikation. Das musste auch die Violinistin Vanessa Mae erfahren. Sie wollte 2014 unbedingt bei Olympia dabei sein. Damit sie das machen konnte, brauchte sie 140 Weltcup-Punkte. Weil es doch ziemlich knapp wurde, hat der Skiclub Triglav nur für sie einen Riesenslalom in Krvavec in Slowenien organisiert: Mae war bei Olympia dabei.

R. Rezasoltani

2018 ist Farzaneh Rezasoltani nicht mehr dabei. Vier Jahre zuvor war sie jedoch die grosse Exotin über 10 Kilometer klassisch. Die Iranerin landete auf dem 73. Rang.

S. Shiva Keshavan

Er gilt als «das indische Rodel-Wunder»: Shiva Keshavan. Seit 1998 tritt er bei Olympischen Spielen an. Seine Rennen sind immer spektakulär. Keshavan hält mehrere Asien-Rekorde in dieser Sportart. Für eine Medaille hat es allerdings noch nicht gereicht.

Alex Livesey/Getty Images

T. Tenue

Bei Winterspielen ist dicke Kleidung Pflicht. Insbesondere bei der Eröffnungsfeier. Ausser man kommt von den Cayman-Inseln. Dow Travers lief bei der Feier in Sotschi in Shorts und Flip-Flops ein. Travers meinte: «Man sollte sein Land vertreten. Ich war einfach authentisch.»

Ryan Pierse/Getty Images

U. Unwetter

Carlos Mäder wollte für Ghana im Alpinen Ski antreten. Mäder wurde als Kleinkind von Schweizern adoptiert, er wuchs in Luzern auf. Seinen Traum von Olympia musste er jedoch begraben. Er wollte sich mit eher unbekannteren Rennen die nötigen Punkte holen. Mittels Crowdfunding kam das nötige Geld zusammen. Nur: 15 Rennen, die er machen wollte, wurden wegen Schlechtwetter abgesagt. Der Olympia-Traum war gestorben.

V. Verspätet

Ganze 20 Minuten wartete der norwegische Langlauf-Star Bjorn Daehlie im Stadion. Dann kam Philip Boit aus Kenia endlich im Ziel an. Boit begann erst zwei Jahre vor den Spielen in 1998 Nagano mit dem Sport. Dass es dann am Wettkampftag noch regnete, erschwerte es ihm noch zusätzlich. Daehlie zeigte sich als grosser Sportler und ging nicht direkt zur Medaillen-Zeremonie. Er wollte sehen, wie der Kenianer ins Ziel kam. Das Stadion tobte, als Boit auf die Zielgerade einbog. Daehlie gratulierte dem Kenianer und fragte ihn, ob er bei den nächsten Spielen 2002 auch wieder dabei sei. Boits Antwort: «In Salt Lake werde ich dich schlagen.» Übrigens: Boit hat seinen Sohn, der kurz darauf zur Welt kam, nach Daehlie benannt und die beiden Männer verbindet bis heute eine Freundschaft.

Ruediger Fessel/Bongarts/Getty Images

W. Winston Watts 

Was für ein Comeback! Winston Watts startete bereits 1994, 1998 und 2002 bei den Olympischen Spielen im Jamaika-Bob. 2006 trat er vom Spitzensport zurück. Doch plötzlich hat es ihn wieder gepackt: Watts kehrte 2014 mit seinem Partner Marvin Dixon zurück.

X. X-beliebiger

Togo wollte unbedingt bei Olympischen Winterspielen dabei sein. Nur fehlten die Sportler. Was tun? Ein Casting musste her! Gewonnen hat es Fuahea Semi (siehe «Geburtsurkunde»).

Y. Yongpyong

Im Yongpyong Ski Resort werden die technischen Bewerbe im Ski Alpin ausgetragen. Hier hat man also die grosse Chance, die Exoten im Slalom und Riesenslalom zu bestaunen. Eine Aussenseiterrolle hat das Skigebiet übrigens auch: Hier findet zum ersten Mal ein Mannschaftswettbewerb statt.

Z. Ziel

Plötzlich war er Sieger. Steven Bradbury war im Short-Track von Salt Lake City klarer Aussenseiter. Fast eine Runde Vorsprung hatten seine Konkurrenten. Aber kurz vor dem Ziel stürzte einer der Führenden und riss die anderen mit. Bis alle wieder aufgestanden waren, kurvte der Australier Bradbury bereits ins Ziel.

René Rödiger
Quelle: rr
veröffentlicht: 9. Februar 2018 14:53
aktualisiert: 9. Februar 2018 14:53