Spitzguuge

Auch Geisterspiele können begeistern

Dominic Ledergerber, 19. Mai 2020, 13:33 Uhr
Leere Ränge und Sitze im Stadion beim Bundesliga-Spiel Borussia Dortmund – FC Schalke 04 am Samstag, 16. Mai.
© Keystone (Archiv)
Weshalb Bundeskredite die Glanzlichter der Super League zum Erlöschen bringen könnten und Geisterspiele auch begeistern können, schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber in der Spitzguuge.

Samstagnachmittag, 15.30 Uhr, war für alle Fussballfans ein Pflichttermin. Die Wiederaufnahme der Bundesliga lockte die Massen vor die TV-Bildschirme, im Anschluss jubelten Borussia Dortmund über einen 4:0-Heimsieg im Revierderby und Pay-TV-Anbieter «Sky» über die höchste je gemessene Einschaltquote an einem Bundesligaspieltag.

Die Goalgetter Haaland und Lewandowski machten da weiter, wo sie vor der Corona-Pause aufgehört hatten, und Nati-Flügel Renato Steffen freute sich über ein seltenes Kopfballtor. Sogar der Liveticker zum Spiel Düsseldorf-Paderborn dürfte mehr Beachtung als auch schon gefunden haben, zu lange schon musste der Fan auf die schönste Nebensache der Welt verzichten.

Grotesk und doch wichtig

Die Befürchtungen der Kritiker von Geisterspielen hatten sich am Tag 1 nach dem Fussball-Lockdown nicht bewahrheitet. Zwar mutet das Abklatschen der Spieler via Fuss, Ellbogen oder Ghettofaust etwas seltsam an und ist es grotesk, dass jenseits der Seitenlinien Schutzmasken getragen werden müssen. Doch nur so ist es möglich, dass der Ligabetrieb wieder Fahrt aufnimmt. Und das ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht enorm wichtig.

Mit dem Entscheid, schon im Mai wieder mit Profifussball loszulegen, hat Deutschland die Bundesliga für «too big to fail» erklärt. Der grosse Kanton im Norden trug damit aber auch der gesellschaftspolitischen Bedeutung dieses Sports Rechnung. Und wenn uns das erste Geister-Wochenende etwas gelehrt hat, dann die Tatsache: Auch Geisterspiele können begeistern – und sind auf dem Weg zurück zur Normalität unabdingbar.

Derweil in der Schweiz

Hierzulande haben sich die Proficlubs indes noch nicht entschieden, ob sie diese Saison mit Geisterspielen – und damit überhaupt – beenden wollen oder nicht. Zwar hat der Bundesrat der Wiederaufnahme ab 8. Juni und unter Ausschluss von Publikum grünes Licht erteilt. Die Vertreter von Super League und Challenge League wägen aber noch ab.

Dass sie nicht per se entscheidungsträge sind, bewiesen die Clubs mit ihrem Echo auf die Bundeskredite. Dabei ist nicht das Problem, dass der Bund die Hilfsgelder in der Höhe von 350 Millionen Franken für Fussball und Eishockey dereinst zurückfordern wird. Sondern die Bedingungen, an welche die Hilfsgelder in erster Linie geknüpft sind.

Lohndeckel oder Glanzlichter?

Besonders die Bedingung, dass die Durchschnittslöhne der Clubs in den nächsten drei Jahren um 20 Prozent reduziert werden müssen, dürfte bei vielen gegen einen Bundeskredit gesprochen haben. Die Leidtragenden wären in diesem Falle die jüngeren Spieler in Super und Challenge League, die in den meisten Fällen ohnehin tiefe Fixlöhne beziehen und sich nur im Erfolgsfall – bei Siegen, Toren oder zumindest Einsatzminuten – weiterer Einnahmen sicher sein können.

Betroffen wären aber auch die Glanzlichter der Liga, so wie etwa Guillaume Hoarau von den Young Boys. Denn wenn die Clubs dazu gezwungen werden, die Löhne zu drosseln, sind auch Ausnahmen gegen oben seltener möglich. Und damit fehlt Stars wie Hoarau ein Anreiz, um ihre Karriere in der Super League ausklingen zu lassen.

Geisterspiele auch in der neuen Saison?

Dass die meisten Clubs aus Super und Challenge League den Bundeskrediten eher kritisch gegenüberstehen, ist daher verständlich. In einer Ausbildungsliga, wie wir sie in der Schweiz haben, kann von keinem Club erwartet werden, dass er das Lohnniveau drückt und somit Jungtalenten wie auch Glanzlichtern Anreize entzieht – zumal der Kredit, wenn in den nächsten fünf Jahren auch zinsfrei, ohnehin zurückgezahlt werden muss.

Die Entscheidungsfreudigkeit, welche die Clubs in Bezug auf die Bundeskredite an den Tag gelegt haben, wünscht man sich aber auch in Bezug auf die Geisterspiele. Das Szenario Saisonabbruch ist bei gewissen Exponenten der höchsten beiden Schweizer Ligen gerade deshalb beliebt, weil man Geisterspielen so auszuweichen gedenkt. Dabei ist derzeit völlig offen, ob bei diesem Szenario die ersten Runden der neuen Saison nicht auch ohne Publikum ausgetragen werden müssten.

So oder so wünscht sich der Schweizer Fussballfan bald Klarheit, wie sie nun in Deutschland herrscht und wo man seit diesem Wochenende weiss: Auch Geisterspiele können begeistern.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 19. Mai 2020 07:04
aktualisiert: 19. Mai 2020 13:33