Wettspielsucht während WM

«Familienväter haben schon die Sparkonten ihrer Kinder geplündert»

Maurus Held, 22. November 2022, 12:06 Uhr
Die Fussball-WM in Katar ist in vollem Gang. Innert vier Wochen werden gleich 64 Spiele durchgeführt – und folglich auch abertausende Wetteinsätze. ZüriToday hat mit einem Suchtexperten gesprochen und wollte wissen: Ist die Verlockung für Betroffene von Wettspielsucht dieser Tage besonders gross?
Anzeige

Bwin, Tipico oder Betway: Wettanbieter im Internet erfreuen sich grosser Beliebtheit. Mit wenigen Klicks ist eine Geldwette auf den unterschiedlichsten Sportduellen platziert, es winken vermeintlich grosse Gewinne. Doch die meisten machen bloss Verluste.

Dass das Geschäft mit den Wetten enorme Gefahren bergen kann, weiss Domenic Schnoz nur zu gut. Er ist Gesamtleiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, das in Zürich seinen Sitz hat und Direktbetroffene aus ihrer Sportwettensucht hinaus begleitet. Im Interview mit ZüriToday erzählt er von seinen Eindrücken und Erfahrungen – und legt dar, wie die Weltmeisterschaft in Katar eine Sucht verstärken kann.

Herr Schnoz, seit Sonntag rollt in Katar der Ball. Inwiefern beeinflusst die WM Ihre Arbeit mit Spielsüchtigen?

Erfahrungsgemäss können WMs den Beginn für das Sportwetten darstellen bei Menschen, die bis dahin nicht gewettet haben. Aber auch bei Personen, die bereits ein problematisches Wettverhalten zeigen, kann es den Druck erhöhen, mehr und riskanter als üblich zu wetten. Aus fachlicher Sicht sind besonders die Live-Wetten, also das Wetten auf ein laufendes Spiel, mit einem besonders hohen Risiko verknüpft. Hier besteht ein hoher Zeitdruck und es fehlt eine «Abkühlungsphase». Dadurch erhöht sich der Kontrollverlust. Die WM ist omnipräsent, und so kann sie auch auf jemanden, der vorher nie gewettet hat, eine Verlockung darstellen.

Ist denn Fussball auch in den Wettstuben derart beliebt?

Ja, absolut. Fussball ist die Sportart Nummer eins. Sie liegt deutlich vor anderen Sportarten, wie beispielsweise Eishockey. Ein bekanntes Phänomen ist auch, dass im Verlaufe einer Sucht die Sportart immer mehr in den Hintergrund rückt und es nur noch ums Wetten selbst geht. Dann wird auch auf Sportarten gewettet, von denen man kaum Ahnung hat – Hauptsache wetten. Ausserdem zeichnen sich Sportwetten, im Gegensatz zu den meisten anderen Geldspielen, durch eine hohe Kontrollillusion aus.

Können Sie das näher beschreiben?

Sportwetten funktionieren anders als das Zocken im Casino. Dort gewinnt eigentlich sowieso immer die Bank, der Zufall entscheidet über Gewinn oder Verlust. Wer glaubt, über gute Fussballkenntnisse zu verfügen, sieht Sportwetten aber nicht als Glücksspiel an. Er oder sie glaubt, mit Wissen Geld machen zu können. Doch das stimmt nicht. Die Wettquoten sind so berechnet, dass schlussendlich auch meist der Anbieter gewinnt. Hinzu kommen die Margen der Wettanbieter. Langfristig ist praktisch ausgeschlossen, mit Wetten Geld zu verdienen.

Im Gegenteil, die meisten verlieren Geld...

Das ist so. Es gibt wirklich traurige Fälle, in denen ganze Familien in den finanziellen Ruin getrieben werden. Das kann soweit gehen, dass Sparkonten der Kinder geplündert und riesige Schuldenhaufen verursacht werden. Oft ergibt sich dadurch eine Abwärtsspirale, die teils jahrelang andauern kann, ohne dass es jemandem auffällt: Man wettet nur noch, um dem Verlust hinterherzujagen und die Schulden zu decken. Dabei merkt man oft gar nicht, dass diese dadurch noch grösser werden.

Haben solche Fälle in letzter Zeit zugenommen?

Was ich sagen kann, ist, dass Spielwetten an Beliebtheit gewonnen haben. Durch die Digitalisierung ist der Zugang uneingeschränkter geworden. In der Schweiz haben die Zahlen auch zugenommen – das kann aber auch damit zusammenhängen, dass das Geldspielgesetz von 2019 nur noch seriöse Wetten auf Swisslos erlaubt. Dort läuft alles legal und geregelt ab. Das ist für uns aus präventiver Sicht eigentlich ein gutes Zeichen. Viele sind nach wie vor auch auf ausländischen, illegalen Seiten aktiv. Dort ist der Spielerschutz in der Regel kein Thema bei den Anbietern.

Welche Menschen sind denn besonders von Spielwettsucht betroffen?

Die Betroffenen, die bei uns in Behandlung sind, entstammen aus allen möglichen sozialen Schichten. Arbeitslose, Familienväter mit gutem Einkommen, Handwerker, Akademiker – Spielsucht ist eine Krankheit, so wie die Alkoholsucht auch. Das wollen wir auch ganz klar nach aussen kommunizieren: Es kann wirklich jeden treffen. Zu 90 Prozent sind die Betroffenen aber männlich und tendenziell eher jung. Und: Viele von ihnen haben einen persönlichen Bezug zum Sport. Sie haben zum Beispiel selbst engagiert Fussball oder eine andere Sportart getrieben.

Wie versuchen Sie zu helfen?

Unsere Therapeutinnen und Therapeuten verfügen über sehr viel Erfahrung. Sie begleiten jeden einzelnen Klienten individuell und auf die eigenen Bedürfnisse bezogen. Die einen wollen gänzlich aufhören, andere wollen einfach in einem gesunden Mass weiterwetten. Das gilt es zu respektieren. Überhaupt sind die meisten, die auf Sportanlässe wetten, nicht süchtig. Ein Grossteil kann damit gut umgehen. Und so sagen wir auch niemandem, dass er ab sofort nicht mehr wetten darf. Das wäre nicht zielführend.

Und was können Sie konkret, jetzt während der WM, unternehmen?

Wir haben soeben eine Internetkampagne gestartet, die konkret unsere Zielgruppe erreichen soll. Dabei verweisen wir auf einen Selbsttest, den jeder online und anonym ausfüllen kann. Auf der gleichen Seite finden sich auch viele Informationen, Hilfsmittel und Empfehlungen. Und natürlich kann man sich bei uns melden, wenn man sich kostenlos beraten lassen möchte, auf Wunsch auch anonym.

Und die Angebote werden genutzt?

Ja, sie werden rege genutzt, aber leider ist es so, wie bei anderen Suchterkrankungen auch, dass nur ein kleiner Teil der Abhängigen den Weg in eine Beratung findet. Die Sucht ist generell und nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Deshalb ist unsere Arbeit umso wichtiger. Unsere Erfahrungen zeigen aber: Die Erfolgschancen stehen sehr gut, durch unsere Therapie den Weg aus der Sucht zu schaffen.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 22. November 2022 12:06
aktualisiert: 22. November 2022 12:06