Spitzguuge

Harte Zeiten für Fussballromantiker: Heute in drei Jahren ist WM

Dominic Ledergerber, 4. Dezember 2019, 08:30 Uhr
Kopfbedeckung ist pflicht: In drei Jahren wird es kalt beim Public Viewing. (Archiv)
© Keystone
Italien, Türkei, Wales – dass die Schweizer Nati ihre EM-Gegner schon kennt, ist vielleicht der einzige Vorteil in dieser schwierigen Gruppe. Und in drei Jahren stecken Panini-Bildli im Adventskalender. Sportjournalist Dominic Ledergerber über die neue Fussballwelt.

Es ist keine einfache Zeit, die auf all die Nostalgiker und Fussball-Romantiker zukommt. Letzte Woche wurden die Gruppen für die Fussball-EM ausgelost. Oder zumindest fast. Bis wirklich alle 24 Teilnehmer der Europameisterschaft feststehen, wird es Ende März. Dann dauert es noch knapp zweieinhalb Monate bis zum Eröffnungsspiel zwischen der Türkei und Italien am 12. Juni.

Die Schweizer Gruppengegner treffen in Rom aufeinander, die Schweiz selber spielt tags darauf in Baku gegen Wales. Die aserbaidschanische Hauptstadt ist unter den zwölf EM-Austragungsorten der einzige auf dem asiatischen Kontinent. Aber immerhin wissen die Spieler von Vladimir Petkovic bereits frühzeitig, gegen welche Gegner sie antreten werden.

Schwierige Schweizer Gruppe

20 der 24 EM-Teilnehmer sicherten sich ihr Ticket auf dem gewöhnlichen Qualifikationsweg, die restlichen vier hoffen auf die Playoffs der Nations League. So wird zum Beispiel erst im Frühling feststehen, wer etwa die Hammer-Gruppe F mit Weltmeister Frankreich, Titelverteidiger Portugal und Deutschland komplettieren wird.

Hingegen gibt es an der Gruppe A mit der Schweiz, Italien, Türkei und Wales seit letzter Woche nichts mehr zu rütteln. Das Los hat uns eine attraktive, aber sportlich auch beinharte Herausforderung beschert. Die wiedererstarkten Italiener haben nach der verpassten WM 2018 einiges gut zu machen, sie blieben in ihrer Qualifikationsgruppe ohne Punktverlust und spielten teilweise «brasilianischen» Fussball, wie Chelsea-Mittelfeld-Ass Jorginho (seine Wurzeln liegen tatsächlich in Brasilien) zu Protokoll gab.

Auch die Türken waren in der jüngeren Vergangenheit kein Stammgast an Grossanlässen wie Welt- oder Europameisterschaften. Auch sie haben eine Verjüngungskur hinter sich und stellten in ihrer Qualifikation selbst Weltmeister Frankreich vor Probleme. Und dann ist da noch Wales mit den Superstars Gareth Bale (Real Madrid) und Aaron Ramsey (Juventus Turin), welche die Schweiz am Erreichen des Mindestziels Viertelfinale hindern wollen.

Kürzeste WM seit 1978

Eine Europameisterschaft, die phasenweise in Asien stattfindet und bei der die letzten Teilnehmer erst kurz vor Kick-off feststehen – das ist nur ein Teil der neuen Fussballwelt, mit der sich Nostalgiker und Fussball-Romantiker arrangieren müssen. Denn während sich gewisse EM-Teilnehmer auf Gegner X einstellen, läuft heute in drei Jahren schon die Vorrunde der WM in Katar.

Die unmenschlichen Bedingungen für die Gastarbeiter, die Korruptionsvorwürfe bei der WM-Vergabe und die 50 Grad Celsius im Sommer waren für die Fifa allesamt nicht Grund genug, die Endrunde in einem anderen Land durchzuführen. Stattdessen rang man sich nach langem Hadern dazu durch, eine Winter-WM durchzuführen.  

Public Viewings und Hupkonzerte werden in der besinnlichen Vorweihnachtszeit 2022 genauso an der Tagesordnung sein, wie Panini-Bildli im Adventskalender. Insgesamt 32 Nationen kämpfen vom 21. November bis zum 18. Dezember 2022 um den WM-Titel. Mit 28 Tagen wird dies die kürzeste Fussball-Weltmeisterschaft seit 1978 sein, als sich Gastgeber Argentinien nach nur 25 Turniertagen die Fussballkrone aufsetzte.

SFV soll sich mit Boykott befassen

Nein, es ist wahrlich keine einfache Zeit, die auf all die Nostalgiker und Fussball-Romantiker zukommt. An die EM in zwölf Städten wird man sich gewöhnen können, es sei denn, man zählt zu jenen Fans, die Endrunden gerne vor Ort miterleben. Trotzdem kann eine solche Endrunde eine Bereicherung sein, schliesslich stehen Traditionalisten jeglichen Neuerungen erst einmal kritisch gegenüber.

Aber eine Winter-WM in Katar? Der internationale Gewerkschaftsbund geht davon aus, dass nicht weniger als 4000 Gastarbeiter ums Leben kommen werden, noch bevor das Eröffnungsspiel angepfiffen wird. Bereits seit längerer Zeit wird etwa in Deutschland die Forderung laut, der DFB solle die Endrunde in Katar boykottieren.

Es ist ein Gedanke, mit dem sich auch der Schweizerische Fussballverband (SFV) befassen sollte. Nicht jede Tradition muss der Tradition wegen aufrechterhalten werden. Manchmal kann es auch von Vorteil sein, dass sich Nostalgiker und Fussball-Romantiker nicht gleich an alles gewöhnen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 4. Dezember 2019 05:42
aktualisiert: 4. Dezember 2019 08:30