Super League

Meistermonolog des FCZ im Umbruchjahr

1. Mai 2022, 22:54 Uhr
Der FC Zürich ist zum 13. Mal Schweizer Meister. Nie kam der Titelgewinn des Stadtklubs so unerwartet – und nie war er so souverän und verdient wie in dieser Saison.
Die Fans des FCZ können zum 13. Mal den Meistertitel feiern.
© KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Neun Jahre ist es her, seit in der Super League die Entscheidung um den Meistertitel erst in der letzten Runde fiel. Seither realisierten die Titelgewinner FC Basel (bis 2017) und Young Boys (2018 bis 2021) einen mehr oder weniger unangetasteten Start-Ziel-Sieg. YB etwa wies in seinen vier Meisterjahren im Schnitt 18 Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger auf. Basel gewann seine Titel 2016 und 2017 mit 14 beziehungsweise 17 Punkten Vorsprung.

So gesehen ist der Saisonverlauf an der Spitze der Super League 2021/22 nur die Fortsetzung der vorangegangenen Jahre. Und doch war diese Spielzeit aussergewöhnlich. Denn es gab weder einen Berner noch einen Basler Monolog. Es war der FCZ, der durchmarschierte, an 23 von bisher 32 Runden Leader war. Der seit November die Führung nicht mehr abgab und nun schon vier Runden vor dem Saisonende als Meister feststeht.

Um die Grösse dieser Überraschung richtig einzuschätzen, muss man zurückgehen in den letzten Juli. Die FCZ-Protagonisten sprachen am Vorabend der neuen Saison über Ziele, Erwartungen und Perspektiven. Wenige Wochen zuvor hatte der Stadtklub den 8. Schlussrang erreicht, zum dritten Mal in Folge eine Saison in der unteren Tabellenhälfte beendet. Im Frühling 2021 sogar mit der Abstiegsangst im Nacken. Der neue Trainer André Breitenreiter sagte am Tag vor dem Startspiel gegen Lugano: «Ich habe eine verunsicherte Mannschaft angetroffen.»

Es war die Zeit, in welcher der Präsident Ancillo Canepa mit seinen Kritikern diskutierte, ob sein FCZ überhaupt ein Spitzenklub sei. Es war der Sommer, in dem der FCZ nach enttäuschenden Jahren einen Umbruch einleitete, sich von Routiniers wie Lasse Sobiech, Adrian Winter, Benjamin Kololli, Hekuran Kryeziu, Nathan und nicht zuletzt auch von der Identifikationsfigur Marco Schönbächler trennte.

Canepa sprach von einem «Umbruch» und tastete sich vorsichtig an die neuen Saison heran: «Über Ziele will ich nicht philosophieren.» Trainer Breitenreiter hielt den Ball ebenfalls flach. Man müsse Ziele nicht nur über Platzierungen definieren, es gebe auch andere Ziele: «Wir wollen, dass unser Team einen Wiedererkennungswert hat.»

Späte und Ceesay-Tore als Markenzeichen

Genau diesen hat der 48-jährige Deutschen etabliert. Früh in der Saison gab es Ereignisse, welche den FCZ prägten und wiederkehrend waren. In der 2. Runde etwa schoss Assan Ceesay auf dem Weg zum 3:1 gegen Lausanne-Sport zwei Tore; mittlerweile steht der Stürmer aus Gambia, dem in den Saisons zuvor so wenig hatte gelingen wollen, bei 18 Toren.

In der 4. Runde gewann der FCZ das Derby gegen die Grasshoppers dank einem Treffer in der 95 Minute; mittlerweile sind es 20 Tore, welche der neue Meister in der Schlussviertelstunde erzielte hat. Insgesamt haben diese Tore zwölf Punkte eingebracht. Nie waren die späten Treffer wichtiger als beim 3:3 gegen den FC Basel (12. Runde) und beim 1:0 gegen YB (14. Runde).

Das sind die prägendsten statistischen Werte. Doch es gibt auch das spielerische Element. Breitenreiter hat es in kürzester Zeit geschafft, dieser «verunsicherten» Mannschaft Leben, Stabilität und eine Handschrift zu geben. Was Breitenreiters Teams bereits in der Bundesliga auszeichnete, bringt auch der FCZ auf den Rasen. Schnelles, vertikales Spiel und effiziente Angriffe über die Flügel. Der neu verpflichtete, linke Aussenläufer Adrian Guerrero etwa ist mit zehn Vorlagen der zweitbeste Assistgeber der Super League.

Es passt zu diesem FCZ und seinem überraschenden und deshalb auch etwas unkonventionellen Meisterjahr, dass Breitenreiter ausgerechnet nach der höchsten Niederlagen, einem 0:4 in der 6. Runde gegen den abtretenden Titelträger YB, davon sprach, dass seine Mannschaft «die Spielprinzipien verstanden und verinnerlicht» habe. «Wir sind auf einem guten Weg», folgerte er an diesem Abend Mitte September.

Ist nach dem Umbruch vor dem Umbruch?

Wie gut der Weg nach dem Meisterrausch im Sommer weitergeht, ist offen. Leistungsträger wie Mittelfeldspieler Ousmane Doumbia oder Topskorer Ceesay haben auslaufende Verträge und sind auf dem Absprung. Ob der 36-jährige Blerim Dzemaili nochmals mit so wenigen Verletzungen durch eine Saison kommt, ist ebenso fraglich wie die Zukunft von Verteidiger Becir Omeragic, der Angebote aus halb Europa hat und sich derzeit ausserdem mit einer gravierenden Knieverletzung herumplagt.

Und selbst der Verbleib von Trainer Breitenreiter ist nicht garantiert. «Ich bin kein Wappenküsser», hat er vor ein paar Wochen gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung» schon mal gesagt. Die Leistungen seiner Mannschaft sind auch in Deutschland nicht unter dem Radar geblieben. Breitenreiter wird eher früher als später ein gutes Angebot aus der Bundesliga vorliegen haben - sofern dies nicht schon geschehen ist.

So gesehen könnte dieser (Meister-)Monolog des FC Zürich durchaus weniger nachhaltig sein als bei den Vorgängern aus Basel und Bern. Doch nach dieser Saison wissen sie beim FCZ: Auch in einem Umbruchjahr ist alles möglich.

Quelle: sda
veröffentlicht: 1. Mai 2022 22:54
aktualisiert: 1. Mai 2022 22:54
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