Gewalt im Stadion sinkt

5. Juli 2019, 15:04 Uhr
Gewalt und Chaos nach dem Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich am 13. Mai 2006 im Basler St. Jakob Park.
© Keystone/PATRICK B. KRAEMER
Die deeskalierenden Massnahmen in Schweizer Fussballstadien zeigen Wirkung. Trotzdem kommt es noch immer zu vielen Zwischenfällen bei Fussballspielen.

Am Freitag ist in Bern der Bericht der Polizeilichen Koordinationsplattform Sport vorgestellt worden. Untersucht wurden 457 Fussballspiele vom 1. Juni 2018 bis 1. Juni 2019 in der Schweiz.

«Es gibt nichts zu beschönigen: 46 Prozent sind ganz einfach zu viel», sagte Paul Winiker, Justiz- und Sicherheitsdirektor des Kantons Luzern, am Medienanlass der Swiss Football League und der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD). Er spricht damit die Anzahl «gelbe oder rote Ereignisse» in der Super und der Challenge League an.

Gewalt ist nicht gleich Gewalt

Als «gelb» gelten Sachbeschädigungen oder das Abbrennen von pyrotechnischem Material auf einem Fanmarsch. «Rot» werden Ereignisse wie tätliche Auseinandersetzungen, Angriffe auf Sicherheitspersonal, aber auch Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion taxiert.

So kommt man auf 112 «gelbe» oder «rote» Zwischenfälle in 251 Super- und Challenge-League-Spielen. Nimmt man die Cupspiele, die europäischen Wettbewerbe und die weiteren Fussballspiele dazu, die in die Statistik einfliessen, kommt man auf weniger schockierende Zahlen: Dann gibt es lediglich noch ein Drittel aller Spiele mit nennenswerten Ereignissen.

«Good Hosting» wirkt

Seit 2015 wird in verschiedenen Stadien der Schweiz das sogenannte «Good Hosting Konzept» angewendet, bei dem Fans beim Stadioneinlass nur noch stichprobenartig statt generell durchsucht werden und Sicherheitsmitarbeitende ohne Körperpanzerung im Vordergrund stehen. Fans sollen sich «als willkommene Gäste fühlen».

Das Konzept wurde von der Universität Bern analysiert. Die wissenschaftliche Untersuchung kommt zum Schluss, dass beim «Good Hosting» «erstaunlicherweise» weniger Pyros gezündet werden als bei solchen Spielen, bei denen die Fans generell durchsucht werden.

«Mit dem ‹Good Hosting Konzept› hat sich die Situation in den Stadien der Super League beruhigt», sagt Alain Brechbühl von der Forschungsstelle Gewalt bei Sportveranstaltungen, der die Studie durchgeführt hat. Brechbühl: «Die Verwendung von Stewards oder Sicherheitspersonal ohne Körperpanzerung hat deeskalative Effekte und führt zu einer Entspannung im Durchsuchungsbereich der Stadien.»

Problem liegt ausserhalb der Stadien

Die Statistiken zeigen, dass die Hauptprobleme nicht in den Stadien liegen, sondern auf den Reisewegen, auf den Fanmärschen zwischen den Bahnhöfen und den Stadien oder sogar abseits der Fussballspiele. Meist sind dabei gewaltbereite Gästefans die Ursache.

Auf den Extrazügen, mit denen die Gästefans anreisen, gibt es Probleme mit Sachbeschädigungen und mit Pyros, Bierflaschen und Knallkörpern, die aus fahrenden Zügen auf die Perrons geworfen werden. Und es wird immer wieder die Notbremse gezogen. Die stehenden Züge blockieren dann die Zugstrecken und verursachen massive Verspätungen im übrigen Zugverkehr.

Auch Angriffe auf Polizistinnen und Polizisten oder auf das Personal der Transportpolizei oder gegenseitige Angriffe von Fangruppen kommen vor. Und ein neues Phänomen ist, dass sich Fangruppen in Zürich auch abseits der Spiele zeitweise eine Art Bandenkrieg liefern.

«Wir schauen dieser Entwicklung nicht tatenlos zu», sagte Paul Winiker, Justiz- und Sicherheitsdirektor des Kantons Luzern. Die Kantone und die Klubs setzten jedes Wochenende hunderte von Polizistinnen und Polizisten und Stewards für die Sicherheit ein. Der Erfolg ihrer Einsätze lasse sich unter anderem daran messen, wie oft es gelungen ist, Konfrontationen zwischen Fangruppen zu verhindern.

Quelle: SDA/rr
veröffentlicht: 5. Juli 2019 12:47
aktualisiert: 5. Juli 2019 15:04