Grottenschlechte Espen im Latten-Glück

Marco Latzer, 23. Oktober 2016, 20:12 Uhr
Wieder ein Debakel: Roy Gelmi fasst sich nach dem 0:3 in Luzern an die Nase. (KEYSTONE)
Wieder ein Debakel: Roy Gelmi fasst sich nach dem 0:3 in Luzern an die Nase. (KEYSTONE)
0:3 in Luzern. Mit diesem Resultat ist der FC St.Gallen noch gut bedient. Satte fünf Mal (!) traf der FC Luzern gegen desolate Grün-Weisse nur die Torumrandung. Das Aluminium verdient sich defensive Bestnoten - ganz anders als die Ostschweizer Kummerkicker. Hier geht es zur Spielerbewertung.

Tor:

Daniel Lopar. Note: 5,0. Er war noch der beste St.Galler auf dem durchnässten Rasen. Natürlich hatte er in der Torumrandung eine fulminante Partnerin, die ihm nicht weniger als fünf Mal den Griff ins Netz und damit gar allenfalls vor einem chronischen Rückenleiden bewahrte. Trotzdem: «Lopi» rettete mehrere Male grandios und vereitelte damit eine Kanterniederlage für seine Farben.

Verteidigung:

Silvan Hefti. Note: 2,0. Miserabel wie die gesamte Abwehr. Ab und an mal eine glücklose Einzelaktion. Auch für einen Jungspund wie ihn ist das deutlich zu wenig.

Alain Wiss. Note: 1,0. Wenn der FCSG etwas nicht hat, dann ist es ein harmonisierendes Duo in der Innenverteidigung. Stand bei den zahllosen Luzerner Flanken Mal für Mal komplett im Schilf. Eine Katastrophe.

Karim Haggui. Note: 1.0. St.Gallen hat einen Abwehrchef verpflichtet, der keiner ist. Kein Wunder, wollte ihn Fortuna Düsseldorf nicht mehr und verfrachtete ihn deshalb in die eigene Nachwuchsabteilung. Bei den Ostschweizern reicht es dagegen für die Startaufstellung und erschreckenden Nicht-Leistungen. Fassen kann das eigentlich niemand, insbesondere weil Angha und Gelmi tatenlos auf der Bank sassen.

Andreas Wittwer. Note: 2.5. Im letzten Spiel nicht einmal im Aufgebot, jetzt spülte es ihn plötzlich wieder in die Startaufstellung. So schnell kann es in der Zinnbauer-Hierarchie gehen. Setzte dann erwartungsgemäss zu keinem Höhenflug an.

Mittelfeld:

Albert Bunjaku. Note: 1.5. Trainer Zinnbauer hat ordentlich gewürfelt, um ihn dann wieder auf dem Flügel zu bringen. Das Wieso hinter diesem Entscheid braucht niemand zu verstehen. Der Mann ist ein Stürmer oder eine hängende Spitze und hat im Mittelfeld absolut gar nichts zu suchen. Das entschuldigt seine persönliche Nicht-Leistung aber natürlich nicht. Wurde in der 76. Minute erlöst, als Roy Gelmi für ihn in die Partie kam. Ein abstruser Wechsel, der dem Team die Botschaft vermittelte, auf Verwalten des ohnehin desaströsen Resultats zu spielen. Aber Zinnbauer hatte Chabbi zum wiederholten Mal nicht aufgeboten und deshalb keinen weiteren Offensiv-Mann mehr auf der Bank...

Gianluca Gaudino. Note: 1.0 Miserable Ecken. Kein Einfluss auf das Spiel. Den Kampf nicht angenommen, sondern radikal verweigert. Dass man die Bayern-Leihgabe als Mega-Talent betitelt, entbehrt weiterhin jeglicher Grundlage. In der 66. Minute kam Danijel Aleksic für ihn ins Spiel. Aber auch der blieb sogleich im Nirwana verschollen.

Toko. Note: 4.0. Der mit Abstand beste Feldspieler in den St.Galler Reihen. Wenn mal jemand einen Ball erobert hat, dann war es Toko. Der grätschte für zwei, konnte aber die Komplettausfälle seiner Mitspieler damit auch nicht ausbaden. Ein armer Kerl, der unser ganzes Mitleid verdient.

Marco Aratore. Note: 1.5. Gegen Vaduz war er noch einer der Besseren, in Luzern präsentierte er sich ebenso mies wie seine Teamkollegen. Eine Vertragsverlängerung wie bei ihm in dieser Woche würde viele Spieler zusätzlich beflügeln - bei ihm war das Gegenteil der Fall: radikaler Absturz.

Sturm:

Roman Buess. Note: 1.0. Wo war der? Sachdienliche Hinweise bitte an die Redaktion von FM1Today. Anscheinend wurde er im Team-Bus zuletzt gesehen, war dann aber zwischenzeitlich noch kurz anwesend, um kurz ausgewechselt zu werden. Soll danach sogar in die Dusche gegangen sein. Weshalb dies notwendig war, entzieht sich der Kenntnis der Beobachter auf der Tribüne. Ernsthaft: In der 55. Minute kam Yannis Tafer für ihn rein. Der Franzose wusste dann aber auch nicht mehr weiter aufzufallen.

Albian Ajeti. Note: 2.5. Fand tatsächlich seinen Weg in die Startaufstellung, was durchaus legitim ist. Drohte im Angriff aber zu verhungern, weshalb er sich den einen oder anderen Ball in Eigenregie zu beschaffen wusste. Auch der einzige halbwegs brauchbare Abschluss kam von ihm.

FM1Today-Teamschnitt: 2,1 (grosszügigerweise aufgerundet)

Fazit: Wenn die Querlatte die höchste Bewertung einer ganze Mannschaft verdient, kann etwas nicht stimmen. Und so ist es: 0:8 wäre ein leistungsgerechteres Resultat als das erspielte gewesen. Auch ein «Stängeli» (für Laien: zehn Gegentore) wäre für Luzern machbar gewesen. Nochmals ein Rückschritt gegenüber der ebenfalls desaströsen Vaduz-Pleite im eigenen Stadion. Und an dieser Stelle gehen dem geneigten Beobachter zusehends die negativen Superlative aus, um derart miserable Kicks in Worte zu fassen.

Dennoch ein Versuch: Fünf Minuten lang spielten die Ostschweizer aufsässig und hartnäckig. Dann löste sich das Spielkonzept in Luft auf, beziehungsweise ab dann hatte Luzern dieses durchschaut. Was folgte, waren 85 Minuten voller Konzeptlosigkeit, defensiver Panik und Ratlosigkeit - zusammengefasst: Kompletter Mist zum Abgewöhnen. Abwesend oder spielfrei hatten an diesem Nachmittag Begriffe wie Organisation, Konzentration und Taktik. Und in aller Deutlichkeit stellt sich die Frage: In welche Richtung hat Joe Zinnbauer diese Mannschaft entwickelt? Was ist da passiert? Wie ist ein solcher Rattenfussball zu erklären?

Der deutsche Head-Coach fand - zum wiederholten Male - keine rationale Erklärung, musste aber anerkennen, dass seine Truppe gnädig bedient vom Rasen ging. Über seine Zukunft beim FC St.Gallen wollte er nicht sprechen. Viel mehr wirkte der Mann wie ein angeschossenes Raubtier, machte sich nach der Medienkonferenz sofort vom Acker und stand nicht mehr für Einzelinterviews zur Verfügung (wie es in der Schweiz eigentlich zum guten Ton gehört).

Quo vadis?

Wie geht es jetzt weiter? Am Montagabend steigt im Fürstenlandsaal in Gossau zunächst die Generalversammlung der FC St.Gallen AG. Für Diskussionsstoff dürfte zur Genüge gesorgt sein. Es bleibt abzuwarten, wie Präsident Dölf Früh seinen Schützling Zinnbauer dort gegenüber besorgten Aktionären (Fans) zu verteidigen gedenkt. Falls dieser überhaupt noch die nächsten 24 Stunden übersteht. Danach folgt am Donnerstag das schwierige Cup-Spiel gegen den Challenge-League-Primus FC Zürich und am nächsten Sonntag das ultimative Kellerspiel gegen den FC Thun, der an diesem Wochenende die rote Laterne abgeben konnte. An just diesen FC St.Gallen, der diese spätestens nach dem Luzern-Spiel auch absolut verdient inne hat. Es dürfte eine grün-weisse Schicksalswoche werden.

Marco Latzer
veröffentlicht: 23. Oktober 2016 19:22
aktualisiert: 23. Oktober 2016 20:12