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Ski alpin

Marco Odermatt – wenn sich Experten für einmal alle einig sind

13. Januar 2022, 08:00 Uhr
Noch Anfang 2015 galt Marco Odermatt bei Swiss-Ski nicht als Toptalent. Seither erfolgte sein Aufstieg aber so kontinuierlich wie unaufhaltsam. Nun, mit 24, wird er mit den Allergrössten verglichen.
Der Überflieger der Saison: Marco Odermatt
© KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Marco Odermatt, so heisst der Mann der Stunde im alpinen Ski-Weltcup. Oder besser: der Fahrer dieser Olympia-Saison. Woche für Woche ruft der Innerschweizer in drei Disziplinen Bestleistungen ab. Im Riesenslalom fuhr er mit vier Siegen und einem 2. Platz in fünf Rennen bislang in einer eigenen Liga. Im Super-G hat Odermatt in diesem Winter schon je einen Sieg und 2. Platz - beide in Beaver Creek - auf dem Konto, und zuletzt brillierte er in Bormio auch in der Abfahrt mit seiner ersten Top-3-Klassierung in dieser Disziplin.

Im Gesamtweltcup hat das Ausnahme-, nicht wenige sprechen sogar von Jahrzehnt-Talent - zu Saisonhälfte fast doppelt so viele Punkte gehamstert wie der erste Verfolger Aleksander Kilde, seines Zeichens immerhin Gesamtweltcupsieger 2020. Dank seinem seit Saisonbeginn anhaltenden Hoch wird das Polster von Odermatt immer grösser, reiht er Erfolg an Erfolg.

Zuletzt in Adelboden gelang ihm gar die ultimative Meisterprüfung mit Bravour. Als Halbzeit-Führender am Chuenisbärgli, seinem Traumrennen seit er ein kleiner Junge war, liess sich der Blondschopf weder von der Erwartungshaltung der über 12'000 Heimfans noch von den schwierigen (Sicht-)Bedingungen entscheidend beeinflussen. Beim einen oder anderen Tor «rumpelte» es zwar auch bei ihm, doch letztlich resultierte ein weiterer souverän herausgefahrener Weltcupsieg, der fünfte in dieser Saison, der neunte seiner Karriere insgesamt.

«Vorgänger» Jankas Schwärmen

Wo findet ein erst 24-Jähriger bereits diese Konstanz? Die Frage geht an Carlo Janka. Der Bündner Routinier muss es wissen, schliesslich ist er der letzte Gesamtweltcupsieger aus der Schweiz. Als er 2010 die grosse Kristallkugel gewann, war Janka gar erst 23 Jahre alt. Was also meint der «Iceman» aus Obersaxen? «Für mich war eigentlich von Anfang an absehbar, wohin es mit ‹Odi› geht. Er ist technisch herausragend und ein angenehmer Typ, er hat die nötige Lockerheit und zieht auch unter Druck sein Ding durch.»

Janka, gewiss nicht als ‹Plauderi› bekannt, kommt aus dem Schwärmen über die Fähigkeiten seines potenziellen Nachfolgers nicht heraus: «In diesem Winter war er überall souverän, egal wie die Verhältnisse oder die Kurssetzung waren. Wenn das Selbstvertrauen da ist, dann ist ihm alles zuzutrauen. Wenn er der Verletzungshexe so lange wie möglich aus dem Weg geht, dann haben wir Schweizer da vielleicht einen Fahrer wie noch nie.»

Trainer Krug: «Er ist ein Hochkaräter»

Einer, der auch höchst kompetent Auskunft geben kann, ist Swiss-Ski-Gruppentrainer Helmut Krug. Der Tiroler begleitet Odermatt schon seit vielen Jahren. Er bezeichnet den Nidwaldner - wie auch den ein Jahr älteren Teamkollegen Loïc Meillard - als «Hochkaräter» und «Super-Techniker». Dies sei schon in der Jugend und dann später auch an Junioren-Weltmeisterschaften ersichtlich gewesen.

Vor vier Jahren war es Krug, der das Duo Odermatt/Meillard vom Europa- in den Weltcup beförderte, um im darbenden Riesenslalom-Team eine neue Dynamik zu erzeugen - was exakt wie geplant gelang. Krug spricht zudem immer wieder davon, dass Odermatt ein «sehr harter Arbeiter» sei und Dinge oftmals «bis ins kleinste Detail» hinterfrage.

Besonderer Exploit in Sölden 2016

Odermatts Karriere kannte in den vergangenen Jahren nur eine Richtung: nach oben. Anfänglich flog er allerdings etwas unter dem Radar vieler Experten und auch von Swiss-Ski. Vor genau sieben Jahren gehörte der Innerschweizer beim Nachwuchs-Ranking einer grossen Schweizer Zeitung nicht zu den Top 7. Der damalige C-Kader-Trainer von Swiss-Ski traute anderen Talenten - vom ebenfalls hochbegabten Meillard über Niels Hintermann und Noel von Grünigen zu Sandro Simonet - mehr zu.

Doch schon im Frühjahr 2016 wurde Odermatt ein erstes Mal Riesenslalom-Weltmeister bei den Junioren. Und als er im Oktober des gleichen Jahres in Sölden zu seinem zweiten Weltcuprennen startete, da gelang dem damaligen Schüler der Sportmittelschule Engelberg auf Anhieb ein besonderer Coup: Mit Startnummer 53 zeigte er auf holpriger Piste eine Fahrt am Limit und preschte in den 12. Zwischenrang vor. Auch der am Ende zu Buche stehende 17. Platz - und zugleich die ersten Weltcup-Punkte - war noch immer als sensationell zu werten.

Geradlinigkeit und stabiles Umfeld

Im Februar 2018 schaffte er an der Junioren-WM in Davos mit fünf Titelgewinnen gar noch nie Dagewesenes, ebenso ein paar Wochen später in Are. Beim Weltcup-Finale im März 2018 in Are war er in drei Disziplinen startberechtigt, und in jeder fuhr er in die Top 15. Solche Wettkämpfe und Momente wie in Sölden, Davos und Are sind es, welche die Klasse von Marco Odermatt schon im frühen Stadium seiner Karriere erahnen liessen.

Ihm sei Odermatt bei der Premiere in Sölden «erstmals so richtig aufgefallen», erzählt Marc Berthod, der damals seine eigene Karriere erst wenige Wochen zuvor beendet hatte. «Nach Sölden und dann natürlich nach Davos, wo ich selber im Organisationskomitee war, war mir erst recht klar, dass ‹Odi› uns noch viel Freude bereiten wird.» Der Bündner, als SRF-Experte weiterhin eng mit dem Skirennsport verbunden, betont zudem die «Geradlinigkeit», mit welcher Odermatt seine Karriere vorangetrieben hat. «Er hat sich nie verzettelt und konnte dabei auch auf ein intaktes und stabiles Umfeld zählen. Auch die Konstellation bei Swiss-Ski mit Helmut Krug und dessen Gruppe stimmt.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 13. Januar 2022 08:00
aktualisiert: 13. Januar 2022 08:00