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Samuel Giger, der Favorit – Innerschweizer hoffen auf Ende der Durststrecke

27. August 2022, 06:18 Uhr
Heute und morgen werden alle Schwingerfans nach ihren Werweissen, Prognosen und Fachsimpeleien Antworten bekommen. In Pratteln wird der neue König erkoren. Als Topfavorit tritt Samuel Giger an.
Der Thurgauer gilt am ESAF als Favorit.
© KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
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Anders als vor drei Jahren in Zug steht am Eidgenössischen ein Favorit deutlich über allen anderen Favoriten. Es ist Samuel Giger. Der Thurgauer, erst 24 Jahre alt, hat die beiden Saisons nach dem Coronavirus-Jahr 2020 auf eindrückliche Art dominiert.

2021 war Gigers Überlegenheit durch alle fünf Teilverbände hindurch noch ausgeprägter gewesen als in diesem Jahr. Er gewann acht Kranzfeste, den fast 20-jährigen Rekord von Jörg Abderhalden egalisierend. Heuer triumphierte er «nur» fünfmal - aber dennoch mehr als jeder andere. Wie Joel Wicki und Adrian Walther siegte er an zwei grossen Kranzfesten, nämlich am Nordostschweizer Teilverbandsfest und am Bergkranzfest auf der Schwägalp.

Samuel Giger ist ein grossgewachsener Musterathlet. Mit seinem technischen Repertoire ist er vom ersten Zug an für keinen Gegner auszurechnen. Anfällig ist er wohl nur auf Flankenschwünge. Diese werden jedoch von immer weniger Schwingern angewendet. Der junge Berner Michael Ledermann praktiziert sie noch, und gerade er brachte Giger in einem Gang mit zwei Brienzer-Attacken zweimal an den Rand der Niederlage.

Die Top-Anwärter von 2019 sinnen auf Revanche

Vor dem Eidgenössischen 2019 in Zug hatten sich Samuel Giger, Armon Orlik, Joel Wicki und Pirmin Reichmuth von allen Übrigen derart klar abgehoben, dass der Schwingerkönig nur aus diesem Quartett hervorgehen konnte. Schwingerkönig wurde Christian Stucki, aber von ihm hatte nach einer langen Verletzung niemand gewusst, wie stark er wirklich war.

Die vier genannten Bösen sind auch in Pratteln unter den Favoriten, auch wenn Reichmuth nach einer Schulterverletzung erst in den letzten Tagen fit wurde. Den vier wird es nicht am Können fehlen, sie müssen es niemandem mehr beweisen. Aber jeder von ihnen muss das Päcklein loswerden, das er seit Zug 2019 mitträgt. Nur an einem Eidgenössischen selber, am wichtigsten und grössten Anlass, kann ein Schwinger die unschönen Erlebnisse des vorangegangenen Eidgenössischen verarbeiten.

Das frühe Aus vor drei Jahren

In Zug konnten Pirmin Reichmuth und Samuel Giger schon nach zwei respektive drei Gängen nicht mehr um den Königstitel kämpfen. Armon Orlik bekam im 7. Gang eine grosse Chance, in den Schlussgang (gegen Wicki) einzuziehen, aber er liess sich von Sven Schurtenberger in einen Gestellten zwingen.

Und Joel Wicki schliesslich wurde von Christian Stucki nach 40 Sekunden des Schlussgangs ins Sägemehl gewuchtet. Für Giger könnte es in Pratteln von doppelter Wichtigkeit sein, dass er den ersten Gang gewinnt, für Pirmin Reichmuth wohl ebenfalls.

Aktuelles Profil: über 30, Berner

Matthias Aeschbacher könnte mit seiner hervorragenden Form Gigers erster Herausforderer und schwierigster Gegner werden. Der Emmentaler vom Rüegsauschachen wurde zusehends besser und erfolgreicher, je näher er den 30 Jahren kam. Sein Auftritt beim Sieg auf dem Weissenstein mit 59,25 Punkten war beeindruckend.

Nicht nur mit dem inneren Haken, seiner gefürchteten Spezialität, kann er alle in Verlegenheit bringen. Eventuell nicht durch Zufall brachte er Giger auf dem Brünig die einzige Niederlage der ganzen Kranzfestsaison bei.

Aeschbacher bringt auch das Profil mit, das die Schwingerkönige neuerdings anscheinend vorweisen müssen: über 30 Jahre alt, Schwinger im Berner Verband. Er wäre der dritte König in Folge mit diesen Merkmalen nach Matthias Glarner 2016 und Christian Stucki 2019.

Innerschweizer: jetzt oder wann?

In der Innerschweiz hofft man, dass die unglaubliche Durststrecke endlich zu Ende geht. In der ganzen Geschichte der Eidgenössischen Feste stellten die Innerschweizer, der mit Abstand grösste der fünf Teilverbände, nur ein einziges Mal den Schwingerkönig. Es war Heinrich «Harry» Knüsel. Er bodigte 1986 in Sitten im Schlussgang Ernst Schläpfer.

In Zug 2019 traten Joel Wicki und Pirmin Reichmuth als Mitfavoriten an, aber auf unterschiedliche Weise schafften sie es beide nicht. Vielleicht wird es diesmal langen. Jedenfalls ist es für das Innerschweizer Team enorm wichtig, dass Pirmin Reichmuth seine Teilnahme in Pratteln verkünden konnte. Wichtig ist dies auch für Joel Wicki. Der Sörenberger braucht unbedingt einen ähnlich starken Kameraden an seiner Seite.

Player's Lounge am Boniweg

Das Fest in Pratteln wird mit dem gigantischen und prächtig gelungenen Eidgenössischen in Zug vermutlich in jeder Beziehung mithalten können. Immer wieder lassen sich die Organisatoren etwas einfallen.

In Pratteln können sich die Athleten zwischen den Gängen über eine Passerelle in ein für sie reserviertes kleines Areal zurückziehen. Es befindet sich am Boniweg heissenden Strässchen ennet den Bahngleisen. Eine Player's Lounge für die Schwinger sozusagen.

Quelle: sda
veröffentlicht: 27. August 2022 06:16
aktualisiert: 27. August 2022 06:18