Australian Open

Zwei Wochen schlafen, essen und trainieren im gleichen Zimmer

22. Januar 2021, 19:24 Uhr
Belinda Bencic sehnt sich danach, wieder einmal an der frischen Luft richtig trainieren zu können (Archivbild)
© KEYSTONE/EPA/ROMAN PILIPEY
Seit gut einer Woche befindet sich Belinda Bencic in einem Hotel in Melbourne in kompletter Quarantäne. Trotz schwieriger Bedingungen will sich die Nummer 12 der Welt aber nicht beklagen.

Seit acht Tagen ist Bencic zusammen mit ihrem Freund und Fitnesscoach Martin Hromkovic in einem rund 20 Quadratmeter grossen Zimmer in einem Hyatt-Hotel in Melbourne eingeschlossen. Zwei Wochen dauert für sie und 71 andere Spielerinnen und Spieler die Quarantäne, nachdem Passagiere von ihrem und zwei weiteren Charterflügen bei der Ankunft in Australien positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Bencic hatte sich am 14. Januar von Dubai, wo sie ihre Vorbereitung absolvierte, Richtung Melbourne aufgemacht.

Nach anfänglichem Frust, bedingt auch durch Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Organisatoren, der WTA und den Spielerinnen, ist Bencic wieder positiv gestimmt. Sie zeigt Verständnis für die Bedenken der lokalen Behörden und der Bevölkerung. «Das Letzte, was wir wollen, ist das Virus nach Australien zu bringen, nachdem die Menschen hier so lange gelitten haben», sagt die 23-Jährige. Natürlich sei die sportliche Vorbereitung auf das Australian Open alles andere als ideal, aber sie akzeptiere die Situation. «Im Wissen, dass dies passieren würde, wären aber wohl viele nicht gekommen.»

Tägliche Umwandlung in ein Fitnessstudio

Bencic ist froh, die spezielle Zeit mit ihrem Partner teilen zu können, der ihr mental enorm hilft. «Martin denkt positiv und pusht mich jeden Tag.» Die beiden zeigen sich innovativ und verwandeln jeweils während des Tages das Zimmer in einen Fitnessraum inklusive kleinem Tennisplatz, indem Gepäck, Bett und weitere Möbel in den Gang geräumt werden. Bereits vor dem Frühstück absolviert sie eine Session auf dem Hometrainer, auch ein Medizinball und Gewichte wurden organisiert. Sie versuche, auch viel in der Bewegung zu trainieren, mit «Stop and Go»-Übungen oder Side Steps.

Vier bis fünf Stunden dauert Bencics tägliches Programm im Zimmer, in dem sie auch isst und schläft. Am meisten Sorge bereitet ihr die Luftqualität. «Es ist sehr staubig.» Die Fenster lassen sich nicht öffnen, ein Staubsauger fehlt, die Zimmer werden nicht gereinigt. Mit dem Teekocher hätten sie versucht, die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen, um dem Problem etwas Abhilfe zu schaffen. «Am meisten freue ich mich deswegen auf die frische Luft und die Sonne.»

Bencics Bedenken sind auch sportlicher Natur: «Die harte Vorbereitung war für nichts, in zwei Wochen verliert man praktisch alles.» Zudem sei das Risiko gross, sich zu verletzten, wenn nach Ende der Quarantäne sogleich die Turniere beginnen. «Die Muskeln und Gelenke brauchen das tägliche Training, um auf höchstem Level spielen zu können.» Es sei ein langer Prozess, um jenes Niveau wieder zu erreichen. Sie bräuchten mehr Zeit, als sie hätten. «Das ist etwas frustrierend.»

Keine Chancengleichheit

Sechs Tage müssen Bencic und Hromkovic noch durchhalten, während andere, die aufgrund keiner positiven Fälle auf ihren Flügen nur eine leichte Quarantäne verordnet bekamen und bis zu fünf Stunden täglich aus dem Zimmer dürfen, um normal zu trainieren. «Ich höre jeweils, wenn meine Zimmernachbarin für das Training abgeholt wird», so Bencic, die täglich auf das Coronavirus getestet wird. Auch wenn Konkurrentinnen auf den sozialen Medien Trainingsvideos posten, kommt leichter Neid auf.

«Wenn man in Quarantäne ist, vergleicht man sich natürlich», so Bencic. Sonst sei einem egal, was die anderen für Zimmer und Bedingungen haben. Die sportliche Chancengleichheit ist aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen nicht gegeben. Einen Sonderstatus geniessen die Top-Cracks wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Naomi Osaka, die in Adelaide untergebracht sind.

«Sie verdienen das, denn sie haben viel fürs Tennis getan», sagt Bencic. «Aber dies sollte auch so kommuniziert und nicht immer von Fairness und Gleichheit gesprochen werden, wenn dem nicht so ist.» Sie schätze sehr, dass sich Djokovic als einziger der Adelaide-Gruppe für die anderen Spieler eingesetzt habe, auch wenn er dafür harsch kritisiert worden sei. «Auch hier in Melbourne gibt es Unterschiede.» Sie gehöre zu den Privilegierten, da sie ein Bike im Zimmer habe.

Beklagen tut sich Bencic, die in den letzten elf Monaten nur eine offizielle Partie auf der Tour bestritten hat, aber nicht. Sie wolle nicht motzen, sagt sie - im Wissen, dass ihre Chancen auf ein gutes Abschneiden am Australian Open (ab dem 8. Februar) aufgrund der harten Quarantäne-Verordnung gesunken sind. «Ich bin dankbar, dass wir während dieser Pandemie überhaupt spielen können.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 22. Januar 2021 19:18
aktualisiert: 22. Januar 2021 19:24