Marcel Hirscher

Österreich in kollektiver Trauer

Christian Ortner, 5. September 2019, 09:59 Uhr
Keiner war so erfolgreich: Marcel Hirscher verlässt die grosse Bühne.
© Keystone
Am Mittwochabend wird der grösste österreichische Sportler, Marcel Hirscher, voraussichtlich seinen Rücktritt erklären. Live vor einer trauernden Nation. Ein ganz persönlicher Abschiedstext eines Österreichers.

Ich behaupte, fast niemand trauert so «schön» wie meine österreichischen Landsleute. Man muss nicht weit zurückblicken, um das beweisen zu können. Erst am 29. Mai bildeten sich endlose Schlangen vor dem Wiener Stephansdom, als Niki «Nationale» Lauda die letzte Ehre erwiesen wurde. Tausende gingen gesenkten Hauptes zum Eichensarg, «verziert» mit einem roten Ferrari-Helm, und zollten dem Nationalhelden das letzte Mal öffentlich Respekt. Völlig klar, dass das ganze Volk via Live-TV-Übertragung stundenlang mittrauern durfte. «A schöne Leich» wie es auf gut wienerisch heisst, resümierte dann auch die zufriedene Trauergemeinde.

Heute darf sich Österreich wieder kollektiv von einem Nationalhelden verabschieden. Im Unterschied zu Formel-1-Legende Niki Lauda erfreut sich Skiheld Marcel Hirscher aber noch bester Gesundheit. Zur Primetime, um 20:15 Uhr, werden sich geschätzte 2 Millionen Österreicherinnen und Österreicher vor den TV-Geräten versammeln. Alle noch mit einem kleinen Funken Hoffnung, dass das Absehbare nicht eintritt oder zumindest erst nach der anstehenden Skisaison. Neben dem Gösser-Bier wird daher auch das Taschentuch bereit liegen.  

Marcel Hirscher ist der beste Sportler den Österreich je hatte. Kein Franz Klammer, kein Hermann Maier, kein Niki Lauda oder Thomas Muster kann dem Salzburger Slalomartisten in der Gunst der im Sport nicht gerade siegverwöhnten Österreicher das Wasser reichen.

Für mich ist diese Verehrung der Tatsache geschuldet, dass Hirscher so erfrischend «unösterreichisch» ist. Hirscher ist praktisch nie gescheitert, wenn die ganze Nation auf ihn gezählt hat. Hirscher hat geliefert. Jahr für Jahr. Rennen für Rennen. Oft spektakulär. Er hat dem Druck Stand gehalten, als die Skination bei der Heim-WM in Schladming 2013 bis zum letzten Tag ohne eine einzige Goldmedaille gelitten hatte. Hirscher ging am letzten Tag als Führender des ersten Durchgangs als Letzter an den Start. 50'000 im Stadion, zwei Millionen an den Bildschirmen und Hirscher holte – wie selbstverständlich – Gold. Und ich gebe es zu, ich hatte feuchte Augen. Aus Freude aber vor allem aus tiefem Respekt vor diesem Teufelskerl. 

Hirscher war auch so unösterreichisch ehrgeizig, fleissig und demütig. Als Zweiter fühlte er sich als erster Verlierer. Hirscher wollte das immer bereits zum nächsten Rennen «korrigieren». Der Nationalheld trainierte mehr als alle anderen, er tüftelte Tag und Nacht am Material und zog eine eisglatte Piste dem glatten Society-Parkett vor. Und er suchte nie Ausreden. Nie war das Wetter schuld oder die Piste. Wenn Henrik Kristoffersen oder Alexis Pinturault für einmal schneller waren, gratulierte er ihnen, liess sie aber auch schon beim Händedruck spüren, dass es nun ganz unangenehm für sie werden würde.

Ganz Österreich trauert heute aber auch, weil jeder weiss, dass nun deutlich magerere Zeiten auf die Skination zukommen werden. Die Sonntage vor dem Fernseher werden trister. Hirscher hat viel kaschiert, hat praktisch jede Saison zwei Drittel der österreichischen Siege eingefahren. Dafür dürfen sich die anderen Nationen, auch die Schweiz, freuen. Marcel Hirscher macht Platz für neue Sieger.

Das wird ein schwacher Trost für mich sein. Ich werde mittrauern mit meinen Landsleuten. Nach Niki Lauda tritt der zweite der so spärlich gesäten Nationalhelden innerhalb kurzer Zeit ab, zum Glück nur in die Rente.          

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 4. September 2019 16:56
aktualisiert: 5. September 2019 09:59