Ski alpin

Vom Achillessehnenriss zum ersten Weltcupsieg

12. Dezember 2020, 19:27 Uhr
Nur die Maske verhindert, dass man Mauro Caviezels Strahlen sehen kann
© KEYSTONE/AP/Alessandro Trovati
Mauro Caviezel erlebt heuer das ganze Spektrum der Gefühle. Nach dem im Juni erlittenen Achillessehnenriss droht ihm eine halbjährige Pause. Doch der Bündner kehrt viel schneller zurück - und siegt.

Der Triumph in Weltcup-Super-G in Val d'Isère ist tatsächlich ein brillantes Comeback.

Dass er über mehr als genug Talent, die nötigen technischen und körperlichen Fähigkeiten gepaart mit grosser Leistungsbereitschaft verfügen würde, daran zweifelten weder die Trainer noch er selber. Doch mit fast erschreckender Regelmässigkeit sah sich Mauro Caviezel durch grosses Verletzungspech in seiner Entwicklung gebremst, kam der Aufstieg in die Weltelite nicht auf Dauer zustande.

Wegen einer im November 2011 erlittenen Verletzung am linken Knie verpasste er die zwei folgenden Winter fast vollumfänglich. In der Saison 2014/15 meldete sich der Bündner zwar im Weltcup zurück. Ab Januar und den Rennen in Wengen punktete er regelmässig, beim Weltcup-Finale in Méribel egalisierte er als Super-G-Fünfter sein Bestergebnis. Doch im September 2015 folgte der nächste Rückschlag: Wadenbeinbruch auf Höhe des Skischuhrandes im Trainingslager in Chile.

Kein einziges Rennen sollte Caviezel in jenem Winter bestreiten. Das Training auf den Ski jedoch war möglich - nur bis ihn im April in Sölden die nächste (Knie-)Verletzung zurückwarf. Weitere vier Monate später ereilte ihn die Verletzungshexe ein nächstes Mal. Ein Sturz im Super-G-Training in Zermatt hatte eine Verletzung an der linken Hand zur Folge.

Auf dem immer wiederkehrenden Weg zurück half Mauro Caviezel eine weitere wichtige Eigenschaft: Beharrlichkeit. Ob all der Unbill liess sich der Junioren-WM-Zweite in der Kombination von 2006 nicht aus der Bahn werfen. Nie kamen ihm in der Phase der Rekonvaleszenz Zweifel. Nie verlor er auch in diesem Sommer nicht den Glauben, es zurück in die Weltelite und da sogar ganz an die Spitze schaffen zu können. Vielmehr habe er, erzählte der vor Saisonbeginn noch sieglose Caviezel, auch dieses Mal wieder «jeden Tag mein Bestes gegeben». Dabei sah er sich bestens unterstützt von den Ärzten, seinem Therapeuten Rolf Fischer und weiterem Fachpersonal.

Und als er doch einmal ganz zuoberst angekommen war - im vergangenen Frühjahr mit dem Gewinn der Super-G-Kristallkugel -, sah er sich dennoch mit Fragen wie solchen konfrontiert, ob es ihn denn nicht ärgere, dass er die Disziplinenwertung «nur» mit drei Podestplätzen aber ohne Rennsieg gewonnen habe. Solche Fragen hätten sich nun wohl erledigt, so die Replik von Mauro Caviezel im Interview mit dem österreichischen Fernsehen nach seinem überraschenden Triumph in Val d'Isère.

Als Träger der roten Startnummer durfte Caviezel am Freitag als Erster wählen, wann er starten wollte. Er entschied sich für die Nummer 5, was sich bei schwierigen Verhältnissen in der Savoyer Skistation als ideal erweisen sollte. Caviezel fand einerseits eine immer noch gut präparierte Piste vor. Andrerseits verfügte er in diesem nur gut eine Minute dauernden Sprintrennen bereits über wichtige Informationen, die ihm sein als Erster gestarteter Teamkollege Marco Odermatt hatte liefern können. Trotz grossem Vorsprung jubelte er im Ziel nur verhalten. Im Wissen, dass noch viele starke Konkurrenten oben warteten und er zuvor beim einen oder anderen seiner 102 bestrittenen Weltcuprennen das nötige Hundertstel-Glück nicht auf seiner Seite gehabt hatte. Dass es im 103. Anlauf geklappt hat, «könne er fast nicht glauben, denn noch am Tag zuvor im Abfahrtstraining hatte ich kein gutes Gefühl. Dieser Sieg ist ein Traum, aber eigentlich auch unglaublich».

So schnell es heuer nach der schweren Verletzung und bei seinem x-ten Comeback auch ging, so lange war der mittlerweile 32-Jährige im Weltcup seinem ersten Triumph nachgerannt. Sein erstes Rennen auf oberster Stufe bestritt er bereits im März 2008. Ein Slalom im slowenischen Kranjska Gora war es damals, mit der hohen Startnummer 66 schied der Bündner Teenager im ersten Lauf aus. Mittlerweile ist Mauro Caviezel, dessen vier Jahre jüngerem Bruder Gino Anfang Saison in Sölden mit Rang 3 sein Karriere-Bestresultat gelungen war, nach zahlreichen Verletzungen zum erfolgreichen Speedfahrer mutiert. Zehnmal stand er vor seiner Siegpremiere auf einem Weltcup-Podest, erstmals im März 2017 in Aspen als Dritter. Einen Monat zuvor hatte er bei der Heim-WM in St. Moritz hinter Weltmeister Luca Aerni und dem Österreicher Marcel Hirscher in der Kombination die Bronzemedaille gewonnen.

Quelle: sda
veröffentlicht: 12. Dezember 2020 19:13
aktualisiert: 12. Dezember 2020 19:27