Die Oscar-Jury ist ein Kindergarten

René Rödiger, 19. Februar 2019, 06:42 Uhr
In der Nacht auf Montag, 25. Februar, werden zum 91. Mal die Oscars verliehen. Bei der Auswahl zum besten Film steckt auch viel Politik dahinter. Wir klären auf.

Diesen Dienstag haben die rund 8200 Jurymitglieder die letzte Chance, ihre Stimme für die Oscars abzugeben. Aus acht Filmen sollen sie den besten küren. Dazu müssten sie sich die Zeit nehmen, diese Filme auch zu schauen, zu hinterfragen, sich lange Gedanken zu machen. Machen sie aber kaum. Zu einem grossen Teil geht es bei der Wahl zum besten Film um Vorurteile und um Grabenkämpfe.

Seit Jahren wird die Oscar-Akademie kritisiert, sie habe nur alte, weisse Männer in der Jury. Auch deshalb würden gewisse Filme nie eine Chance auf einen Preis haben. Die Akademie hat in der Vergangenheit zwar viel unternommen, um diesen Missstand zu beheben, doch noch immer sind knapp 70 Prozent der Jury Männer und 85 Prozent sind weiss. Das wird sich auch in diesem Jahr wieder bei der Wahl der besten Filme zeigen.

Disney? Keine Chance!

«Das sind Filme, die aus dem Zeug gemacht sind, das aus einer Mülltonne hinter einem Fast-Food-Restaurant sickert.» So beschreibt ein (anonymes) älteres Jury-Mitglied Superhelden-Filme in der «New York Times». Den nominierten Film «Black Panther» hat die Person nicht gesehen. So schwinden natürlich die Chancen auf einen Oscar für den vielbeachteten und gelobten Film.

Was bei einigen von der «Times» befragten Jury-Mitgliedern ebenfalls gegen «Black Panther» spricht: Der Film ist von Marvel, das wiederum zu Disney gehört. Der Konzern habe schon genug Macht, da müsse er nicht auch noch einen Oscar bekommen.

«Die Rede wäre sicher witzig»

Wie sehen die Chancen für «BlacKkKlansman» aus? Dem Film von Spike Lee werden allenfalls Aussenseiterchancen zugestanden. Ein Jury-Mitglied sagt: «Es ist die Art Film, bei der wir uns in ein paar Jahren sicher nicht fragen, wieso wir dem überhaupt die Stimme gegeben haben.» Allerdings habe sich kaum ein Jury-Mitglied mit der Geschichte identifizieren können. Wie gesagt: Die Jury ist alt und weiss. Laut einer anderen Person «wäre es ganz witzig, bei den Oscars eine Rede von Spike Lee zu hören». Ja, die Jury-Mitglieder lieben ein bisschen Kontroverse auf der Bühne. Lee ist auch für die beste Regie nominiert.

Auch «Bohemian Rhapsody», der Film über Fredy Mercury und Queen, kommt schlecht weg. Einzig Schauspieler Rami Malek habe den Film vor einem kompletten Desaster gerettet. Deshalb werde er von allen befragten Jury-Mitgliedern die Stimme für den besten Schauspieler bekommen. «The Favorite» wiederum habe bisher zu wenig Preise bekommen, da dürfe man als Oscar-Wähler nicht aus der Reihe tanzen. Alle befragten Jury-Mitglieder glauben jedoch, dass «Green Book» ziemlich viele Stimmen machen wird.

Einen Oscar «als Wiedergutmachung»

Komplizierter wird es bei «Roma». Soll man einem Netflix-Film die Stimme geben? Ausgerechnet Netflix, der grösste Feind des Kinos? Einige Jury-Mitglieder haben schon angekündigt, dass sie den Film ignorieren wollen, ihre Stimme «als Wiedergutmachung» aber in der Kategorie «beste Regie» Alfonso Cuarón geben werden.

Schwung verloren hat «A Star Is Born». Die Jury-Mitglieder mögen es nicht, dass bisher immer Lady Gaga die Dankesreden hält. Ausserdem komme der Film nicht an das Original aus dem Jahr 1954 mit Judy Garland ran. «Das Remake ist ein Meisterwerk, allerdings nur in den ersten 40 Minuten», sagt ein Produzent.

«Bin mit dem Produzenten befreundet»

«Vice», ein Film über den früheren Vize-Präsidenten Dick Cheney, bekommt sicher ein paar Stimmen, gewinnen wird er nicht. «Eine Organisation voller alter, weissen Typen gibt den Preis an einen Film über einen alten, weissen Typen? Wir würden gekreuzigt werden», sagt ein Jury-Mitglied. Ein anderes meint: «Meine Stimme bekommt der Film. Aber nur, weil ich mit dem Produzenten befreundet bin.»

So läuft das hinter den Kulissen der Oscar-Verleihung ab. Natürlich nehmen einige Mitglieder die Wahl auch ernst. Aber bei vielen geht es nur um Taktik, Politik und Freundschaften. Wer die meisten Freunde hat, werden wir am Montagmorgen, 25. Februar, nach der Oscar-Verleihung wissen.

So funktioniert die Wahl

Die rund 8200 Jury-Mitglieder geben ihre Stimme auf einer geheimen Website ab. Dort wählen sie nicht einfach den besten Film oder Regisseur, sondern machen aus den Nominierten eine Rangliste.

Wird ein Film von der Hälfte der Jury-Mitglieder auf Platz 1 gesetzt, hat er gewonnen. Kommt kein Film auf 50 Prozent, fällt der Film mit den wenigsten Nummer-1-Stimmen aus dem Rennen. Die zweitklassierten Filme rücken einen Platz nach. Das Spiel wird so lange wiederholt, bis ein Film mehr als die Hälfte der Top-Stimmen hat. Das gleiche Prozedere gilt auch bei allen anderen Kategorien.

René Rödiger
veröffentlicht: 19. Februar 2019 06:42
aktualisiert: 19. Februar 2019 06:42