Après-Ski

Johnny Däpp, Mama Lauda und der tote Hirsch

Lara Abderhalden, 29. August 2019, 09:14 Uhr
Rein in die Hütte. (Symbolbild)
Rein in die Hütte. (Symbolbild)
© iStock
Wer sich derzeit in einem Skigebiet tummelt, kommt am Après-Ski beinahe nicht vorbei. Zeit also, dem heiligen Akt des Jägermeister-Fläschchen-Hebens, «Johnny Däpp»-Brüllens und Teebeutel-an-die-Decke-Schmeissens ein paar Zeilen zu widmen.

Der Schnee glitzert. Feine Flocken tänzeln über den dunkelblauen Himmel und die Sonne blickt verstohlen ab und zu hinter den weissen, samtigen Bergen hervor, als wolle sie sich vergewissern, ob die Luft rein ist und sie sich raustrauen kann.

Ich habe mich rausgetraut. Mit dem Snowboard unter dem Arm und meinen Freunden im Schlepptau folge ich dem mit Bierdeckeln und Jägermeister-Fläschchen gesäumten Weg in Richtung Seilbahn und Après-Ski-Bar. Kaum die Bindung angezogen, fluche ich das erste Mal. Ein Edelspez-Deckel hat mein neues Brett verkratzt. Ich fahre mit dem Finger die Einkerbung ab und hauche mit nüchternem Kaffegeschmack im Mund ein «dumme Siech» in die morgendliche Kälte.

Der erste Schluck

Ein weiteres Mal tief ein- und wieder ausatmen, muss ich beim Warten auf meine Freunde vor der Kasse. Von meinem Vater bin ich es gewohnt, Punkt neun Uhr auf der Piste zu stehen. Haben wir es um fünf nach Elf und nach dem Abwägen, ob wir denn jetzt eine Halbtageskarte- oder eine Tageskarte mit Rabatt oder doch einen Gutschein brauchen sollen, auf die Piste geschafft, muss die erste auf die Toilette, ein anderer hat Schnee im Handschuh oder bringt die Skischuhe nicht zu.

Aus der Ferne ist der leise Bass irgendeines Après-Ski-Knüllers zu hören und ich sehne mir einen Jägertee herbei. Gereicht wird mir ein pinker Flachmann mit der Aufschrift «Notfalltropfen» und einer gelben klebrigen Flüssigkeit drin. Eierlikör, stelle ich nach dem ersten Schluck fest und während meine Freunde die Tafel mit den gesperrte Pisten, die aktuelle Lawinensituation auf der App und die beste Après-Ski-Bar auf Google checken, gönne ich mir einen zweiten grossen Schluck.

Obwohl der Likör nicht gerade das gelbe vom Ei ist, erfüllt er seine Wirkung und statt die schönen Pisten zu geniessen, sitze ich zwei Abfahrten später mit einem Flying Hirsch in der einen und einem Rumpunsch in der anderen Hand, wippend auf einem Barhocker und schreie: «Däpp, Däpp, Däpp, Johnny Däpp Däpp.»

Prost und Pris

Betritt man nüchtern eine Après-Ski-Bar, ist es erst einmal der penetrante Schweiss-, Alkohol- und Rauchgeruch, der einem in die Nase sticht. Schaut man sich etwas um, gesellen sich zu diesem ersten Eindruck, johlende Menschen mit plattgedrücken Helmfrisuren, Skijacken an allem, was sich kurzerhand zu einer Garderobe umfunktionieren lässt und braune Schnupftabak-Punkte auf jedem zweiten Handrücken.

Konnte man schliesslich alle Skiutensilien irgendwo verstauen, bahnt man sich einen Weg zur Bar. Beim vierten Bier das einem an den Kopf knallt, wünscht man sich, den Helm doch noch etwas länger getragen zu haben.

Wurde man vom Barkeeper nach einer gefühlten halben Stunde einmal erhört, bestellt man gleich zwei Drinks. Und so sitze ich nun auf diesem hölzernen Barhocker und stimme den nächsten Après-Ski-Hit an: «Auffe, auffn Berg und oba mit de Ski, rein in die Hütte und Hände in die Höh.» Das Schlager-Karaoke-Singen wird nur durch gelegentliches Wasser ablassen, Schnupfrunden und natürlich trinken unterbrochen.

Noch einen

Es ist eine Hassliebe mit diesem Après-Ski. Jedes einzelne Après-Ski-Lied ist so vorhersehbar und so schlecht und trotzdem kommt man nicht darum herum, mitzusingen oder bringt zumindest den Text nicht mehr aus dem Kopf.

So peinlich man die schreiende Männergruppe am Nageltisch auch findet, so lustig ist es doch, selbst an diesem Tisch zu stehen und eine Kerbe nach der anderen in den Holzstamm zu schlagen, weil man den Nagelkopf einfach nicht mehr trifft.

Schaut man sich anfänglich genervt um und flucht, wenn rote Flüssigkeit von der Decke auf den Kopf tropft und hinter dem Ohr herunterläuft, nimmt man mit der Zeit die Hagenbutte-Teebeutel an der Decke gar nicht mehr wahr, welche die Après-Ski-Gäste aus ihrem Holdrio gegen die Wand knallen. «Das macht man so», bekommt man auf den ersten entgeisterten Gesichtsausdruck hin zu hören.

Und ohne dass irgendjemand weiss warum, wird ein Teebeutel nach dem anderen aus dem Fröschli – grüner Vodka mit Pfefferminzetee – oder dem Holdrio – Hagenbuttentee mit Zwetschgenschnaps – gegen Wände, Stühle, Fenster oder Skihelme geknallt. Aus einem Flying Hirsch wird irgendwann ein toter Hirsch: Jägermeister mit Whisky statt Red Bull und aus dem Gin Tonic mangels Geld ein Vodka Sport: Vodka mit Hahnenwasser.

Däpp, Däpp, Däpp

Um ungefähr vier Uhr nachmittags ist die ganze Meute bereits so betrunken, dass sie gar nicht merkt, wie zum vierten Mal hintereinander: «Wie heisst die Mutter von Niki Lauda? Mamaa Laudaaa» aus den Lautsprechern dröhnt.

Jeder, der nach draussen torkelt, fragt sich, woher die Sonne mitten in der Nacht plötzlich gekommen ist und jene, die so waghalsig sind und noch den Berg hinunter brausen, tragen zwei verschiedene Ski oder nehmen das Snowboard als Schlitten.

Hat es im Tal keine weiteren Après-Ski-Hütten, landet man nach dem Hütten-Gaudi häufig auf direktem Weg im Bett und noch bevor es richtig dunkel wird, schnarcht man im Takt zu «Däpp, Däpp, Däpp, Johnny Däpp Däpp.»

Dumme Siech

Der nächste Morgen: Den Hütten-Schlager noch immer in den Ohren, erwache ich bereits um 8 Uhr morgens, bin aber trotz zwölf Stunden Schlaf alles andere als fit. Niedergeschlagen kämpfte ich mich in die Küche, schnappe mir das Wasserglas nur um Sekunden später, den Wodka Sport ins Spülbecken zu spucken. Johnny «Däpp» verfluchend öffne ich die Vorhänge. Die Sonne scheint mir absichtlich mitten ins Gesicht zu strahlen und der Schnee glitzert so stark, dass es mir schlecht wird.

Überzeugt, dass frische Luft gut tut, schnappe ich mir das Snowboard und fluche. Der ganze Belag ist zerkratzt. Knapp erinnere ich mich an die nächtliche Schlittelpartie auf der gesalzenen Strasse mit meinem nigelnagelneuen Brett. Ich stöhne, fahre mit meinen Fingern den tiefen Kerben im hellvioletten Belag entlang und hauche mit einer Jägermeisterfahne die Worten «dumme Siech» in die morgendliche Kälte.

PS: Ich entschuldige mich für jegliche Ohrwürmer, die euch mindestens die nächsten zwei Wochen nicht von der Seite weichen werden.

PPS: Wie heisst die Mutter von Niki Lauda wirklich?

 

Quelle: abl
veröffentlicht: 26. Januar 2019 16:38
aktualisiert: 29. August 2019 09:14