Wo der Banker Grillen isst

Dario Brazerol, 10. März 2019, 10:46 Uhr
Weg vom Handy, weg von Social Media und rein in die Wildnis. Dafür steht Gion Saluz, der schon seit mehreren Jahren Survival-Trainings in der Schweiz anbietet. Er verrät, wer sich das antut – und warum.

Der moderne Mensch ist gestresst. Arbeit, Familie, Statussymbole und sozialer Aufstieg fressen Zeit und Nerven. Nur schon an eine Pause zu denken, liegt nicht drin. Gerade deswegen wird der Wunsch nach einer Entschleunigung des Alltags immer grösser. Mehr Zeit, weniger Stress, hin zu einer einfacheren Lebensweise. Die Schweiz bietet dafür optimale Voraussetzungen: Hohe Berge und unberührte Waldabschnitte bilden eine Oase für alle Eskapisten.

Trend zum Aussteigen auf Zeit

Gion Saluz (Bild: swiss-survival-training.com)
Gion Saluz (Bild: swiss-survival-training.com)

Dessen ist sich auch Gion Saluz bewusst. Schon seit mehr als sechs Jahren bietet er mit swiss-survival-training.com in Schweizer Wäldern Überlebenscamps an. Bei diesen begibt sich eine Gruppe von Abenteuerlustigen für ein paar Tage in die Wildnis, um ohne den alltäglichen Luxus in der Natur zu überleben. «Wir Menschen haben die Grundlagen des Überlebens in der Natur ein bisschen verlernt», sagt der Überlebenskünstler. «In den Survival-Trainings sollen die Teilnehmer lernen, wie man sich vor dem Klima schützt, ein Feuer macht und auch etwas zu Essen findet.»

In den letzten Jahren sei die Nachfrage nach solchen Trainings stark gestiegen, sagt Gion Saluz. Nicht nur Freigeister und Naturburschen entscheiden sich dafür, für eine kurze Zeit Himmelbett gegen Schlafen unter freiem Himmel einzutauschen. «Hausfrauen, Studenten, Banker und Polizisten - die Teilnehmer der Trainings lassen sich nicht kategorisieren. Der Wunsch, zurück in die Natur zu gehen, besteht in allen Gesellschaftsschichten», sagt der 40-Jährige. Auch Erich Müller, der sogenannte «Vision Quests» in den Bündner Bergen anbietet, bestätigt vor allem bei der jüngeren Generation eine grosse Bereitschaft dazu, für eine gewisse Zeit auf materielle Güter zu verzichten. Bei den Vision Quests steht aber weniger die Überlebensübung, als eine spirituelle Reise zu sich selbst im Vordergrund.

Verzicht schlägt auf die Psyche

Doch auch die Medien tragen ihren Teil zur Trendbildung bei. Seit über zehn Jahren zeigt der Brite Bear Grylls in seiner TV-Show Prominenten, wie auch schon Barack Obama, wie man in der Wildnis überleben kann. Und nicht zuletzt fesselte das deutsche Dschungelcamp Millionen von Zuschauern vor die Fernseher. Was vom heimischen TV aus noch entspannt aussieht, bringt in der Realität seine Tücken mit sich: «Ohne Zelt im Wald zu schlafen und der Hunger sind grosse Herausforderungen für die Teilnehmer», sagt Gion Saluz.

Nicht alles, was Wald und Wiese hergeben, darf auf dem Teller der Survival-Amateure landen. Dies, weil gewisse Pflanzen und Insekten geschützt sind. Vorzugsweise wird deshalb ein vegetarischer Ernährungsplan verfolgt. «Es gibt über 1500 essbare Wildpflanzen, die bei uns wachsen. Wenn aber jemand eine Heuschrecke probieren will, zeige ich ihm, wie man diese richtig zubereitet.» Der Verzicht auf geregelte, üppige Mahlzeiten ist aber nicht das, was die Teilnehmer am meisten belastet: «In der Zeit in der Wildnis leidet die Psyche mehr als der Körper. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und sobald der gewohnte Luxus nicht mehr Verfügbar ist, kann es schwierig werden.» So könne es sogar dazu kommen, dass der Eine oder Andere das Training abbricht.

Geläutert zurück in die Zivilisation

Bei den Personen, die das Training abschliessen, sei aber immer eine Veränderung sichtbar. «Die Teilnehmer werden auf eine Basis des Lebens zurückgeworfen. Im Wald bewegt sich nicht ständig etwas, Handys sind grundsätzlich nicht erwünscht. Der gewohnte Alltag scheint weit weg. Die Teilnehmer berichten, dass ihnen bewusst wird, welche geniale Infrastruktur wir in der Schweiz haben», sagt der Zürcher.

Beflügelt durch die Ausnahmesituation in den Schweizer Wäldern kehren die Teilnehmer nach ein paar Tagen Abenteuer in ihr geregeltes Leben zurück. Handy an, Social-Media-Update und Schnitzel-Pommes zum Zmittag. Nur für Gion Saluz liegt das vermeintlich geregelte Leben nach wie vor in der Wildnis der Schweizer Wälder.

Dario Brazerol
Quelle: dab
veröffentlicht: 10. März 2019 07:31
aktualisiert: 10. März 2019 10:46