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Ganze Stadt muss still sein - wegen Geige

Sarah Lippuner, 18. Januar 2019, 15:08 Uhr
Um den wahren Ton einer Stradivari für die Nachwelt zu konservieren, müssen die Einwohner der norditalienische Stadt Cremona für fünf Wochen still sein. Nebst blockierten Strassen ermahnt die Polizei eine Barista, die ein Glas fallen liess.
Auf den Strassen von Cremona ist es in diesen Tagen ruhig.
© istock

Als die italienische Barista Forencia Rastelli aus Versehen ein Glass fallen liess, verharrten alle Gäste im Café wie versteinert. Ein Polizist kam rein und ermahnte sie, sie solle doch still sein, wie die New York Times schreibt. Diese absurde Szene ist kein Dreh für einen Werbespot sondern der momentane Alltag der Stadt Cremona.

Im sonst lauten Italien gibt es zwischen Mailand und Bologna zurzeit eine Oase der Stille. Cremona, ehemaliger Wohnort des berühmten Geigenmachers Antonio Stradivari, muss für fünf Wochen mucksmäuschenstill sein. Grund dafür ist die Konservierung von Geigentönen einer echten Stradivari.

Geigentöne für die Nachwelt

Als das Projekt ins Leben gerufen wurde, hätte der Kurator des Geigenmuseums nicht gedacht, dass seine Idee die ganze Stadt verstummen liesse. Das Projekt sollte sich eigentlich auf die Räume des Museums beschränken: Die besten Geigenspieler der Welt sollen fünf Wochen lang, acht Stunden am Tag, alle möglichen Töne aus einer Stradivari herausholen. Die Töne werden aufgezeichnet und so für die Nachwelt erhalten. Eine Stradivari verliert mit zunehmendem Alter nämlich ihren einzigartigen Klang.

Bürgermeister sperrt Strassen

Die ersten Aufnahmen brachten das Projekt wortwörtlich zum Zittern. Auf den Aufnahmen waren nicht nur die Geigentöne, sondern Vibrationen von Strassenlärm, Lüftungen und sogar Glühbirnen zu hören. Um das Projekt am Leben zu halten, schritt der Bürgermeister ein: Er befahl der ganzen Bevölkerung, sie solle möglichst still sein und sperrte alle Strassen um das Museum. Zusätzlich wurde jede einzelne Glühbirne im Museum rausgedreht.

Nun ist es im Museum genügend still für die wertvollen Aufnahmen. Ausser es lässt jemand in der Gegend ein Glas fallen, dann heisst es im Tonstudio: «Wer hat eben ein Glas fallengelassen?» Und die Aufnahmen müssen von vorne beginnen.

Sarah Lippuner
Quelle: red.
veröffentlicht: 18. Januar 2019 15:08
aktualisiert: 18. Januar 2019 15:08