Kommt mal alle wieder runter

Sandro Zulian, 14. November 2016, 11:39 Uhr
Der Mond, wie er heute morgen über Frankfurt aufging.
Der Mond, wie er heute morgen über Frankfurt aufging.
© EPA/FRANK RUMPENHORST
«Der 'Supermond' kommt», schreiben sie alle. «Grösster Vollmond seit 1948», proklamieren die Nachrichtenportale (Ja, auch wir). Astronomen sind derweil «butzhässig». Das Thema werde künstlich aufgeblasen, der Supermond ist komplette Übertreibung. Aber auch gut für die Wissenschaft.

Daniel Fischer ist Journalist und schreibt für «Abenteuer Astronomie». In einem kürzlich erschienenen Artikel lässt er sich über die Wortwahl der Medien zum sogenannten «Supermond» aus. Der Supermond sei nämlich alles andere als «Super».

Mehr Verständnis

«Die Laufbahn des Mondes ist nicht rund, sondern elliptisch. Das heisst, dass der Mond mal näher, mal ferner zur Erde ist», so Fischer gegenüber FM1Today. Der Abstand des Mondes schwankt um 50'000 Kilometer. Es habe sich seit ungefähr fünf Jahren eingebürgert, dass man die drei Monde des Jahres, die während des Vollmondes der Erde am nächsten kommen, als «Supermonde» bezeichnet. Heute sei der Mond tatsächlich näher zur Erde als letztmals vor fast 70 Jahren. «Aber der Unterschied ist so winzig, dass man ihn kaum nachweisen kann.» Der ganze Rummel um den Supermond sei komplett unnötig, aber gleichzeitig auch nicht schlecht.

So ein Unfug

«Ich bin nicht wütend, ich bin ein wenig enttäuscht über die Medien.» Es werde zu wenig nachgedacht. Man könne die Zusammenhänge sehr einfach selbst recherchieren und hätte das eigentlich in den letzten fünf Jahren ziemlich simpel lernen können, kritisiert Fischer. «Dass diese kleinen Schwankungen so enorm übertrieben dargestellt werden, ärgert mich schon. Viele Leute glauben, es würde jetzt ein gigantisch grösserer Mond am Himmel stehen. Das ist einfach schlechte Recherche.» Mittlerweile gebe es schon einen schönen Fachausdrück dafür: «Himmels-Analphabetismus». Wenn so wenig Grundwissen besteht, dass so ein Unfug passieren kann. Trotzdem ist Fischer froh, dass überhaupt berichtet wird: «Die unscharfen Meldungen ärgern zwar uns Wissenschaftspublizisten, sorgen aber dafür, dass sich überhaupt jemand für den Himmel interessiert.»

Noch mehr Unfug

«Der Begriff Supermond kommt von einem Astrologen. Das sind natürlich Leute, mit denen wir nun wirklich nichts zu tun haben wollen», ärgert sich Fischer. Der Begriff sei dann irgendwie in die astronomische Öffentlichkeitsarbeit übergeschwappt. Fischer selbst hatte den Begriff jahrelang nicht selber benutzt. Als dann aber selbst die NASA und grosse amerikanische Sternwarten das Wort «Supermond» in den Mund genommen haben, zogen die Wissenschaftsjournalisten zähneknirschend nach.

Syzy... Was?

«Supermond» sei gut für die breite Masse, ist sich Fischer sicher: «Der Fachbegriff lautet eigentlich 'Perigäumsmond'. Das verstehen die meisten schon nicht.» Würde man dann noch den «Fach-Fachbegriff» benutzen, so hätte man den sogenannten Syzygienmond. «Das würde dann wohl gar kein Mensch mehr kapieren», sagt Fischer und lacht. Das Wort sei eigentlich nur unter Scrabble-Spielern bekannt, weil es aufgrund der vielen Ypsilons einen Haufen Punkte gibt. Beim Supermond habe man wenigstens das Gefühl, es passiere etwas Interessantes. «Nur 'Super' ist halt blöd. Die Unterschiede belaufen sich auf  14 Prozent im Durchmesser und 30 Prozent in der Fläche. 'Super' ist das meiner Meinung nach nicht.» Eigentlich ist die ganze Diskussion für heute sowieso hinfällig. Der Supermond bleibt in der Schweiz nämlich hinter dem Nebel verborgen.

Roger Inauen/TVO
Roger Inauen/TVO

Sandro Zulian
veröffentlicht: 14. November 2016 10:51
aktualisiert: 14. November 2016 11:39