Zur Sache

Osteuropa-Experte über den Ukraine-Krieg: «Es ist eine Lose-Lose-Situation»

8. Juni 2022, 22:55 Uhr
Seit über hundert Tagen tobt in der Ukraine ein grausamer Krieg. Doch wo stehen wir nun? Was bringen die Sanktionen gegen Russland? Im TVO-Talk «Zur Sache» teilt HSG-Professor und Osteuropa-Experte Ulrich Schmid seine Einschätzungen.
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Quelle: tvo

Am 24. Februar 2022 geschah etwas, mit dem wohl kaum jemand gerechnet hatte: Russland marschiert in die Ukraine ein – ein Angriffskrieg mitten in Europa beginnt. Seither gab es Flüchtlingswellen, Massakermeldungen und ganze Städte wurden zerstört. Der Westen verhängte Sanktionen gegen Russland und lieferte der Ukraine Waffen.

Doch wo stehen wir nun und was nützen die Sanktionen? Auf diese Fragen liefert HSG-Professor und Osteuropa-Experte Ulrich Schmid im TVO-Talk «Zur Sache» Antworten.

Herr Schmid, der Krieg in der Ukraine tobt nun seit über hundert Tagen, wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Ulrich Schmid: Wir erleben momentan einen grausamen und sinnlosen Krieg, wie ihn Europa seit den Jugoslawien-Kriegen in den 90er-Jahren nicht mehr erlebt hat. Wir haben gesehen, wie Mariupol zerstört wurde. Wir haben in Butscha Massaker erlebt. Auf beiden Seiten gibt es zehntausende Tote und Verletzte: Es ist eine Lose-Lose-Situation.

Was glauben Sie denn, sind Putins Ziele in diesem Krieg? Wie weit geht die russische Armee?

Ulrich Schmid: Im Moment sieht es so aus, als wolle Russland die beiden Volksrepubliken Donezk und Luhansk innerhalb der administrativen Grenzen der Ukraine erobern. Ich gehe davon aus, dass der Kreml nicht locker lassen wird, bis dies geschehen ist. Das könnte zu einem syrischen Szenario führen. Damals hatte Russland auch dreimal einen Sieg verkündet, bis sie sich zurückzogen. Das könnte nun auch in der Ukraine passieren. Russland könnte sagen, dass man die leidende Zivilbevölkerung «befreit» habe und es als Sieg darstellen.

Glauben Sie denn, dass wenn Russland den Donbass erobert hat, eine Annäherung der beiden möglich ist? Oder was braucht es dafür?

Ulrich Schmid: Eine Annäherung ist momentan nicht in Sicht. Genauso wenig wie eine Friedenslösung. Dafür ist der Leidensdruck auf beiden Seiten noch nicht gross genug. Dieser wird aber noch steigen. So sagte der ukrainische Präsident Selenskyj, dass täglich hundert ukrainische Soldaten im Donbass sterben, was nicht akzeptabel sei. Gleichzeitig ist er aber auch in seiner eigenen Rhetorik gefangen. Denn in der Ukraine wird jede Annäherung an Russland als ein möglicher Verrat gewertet. Ich gehe aber davon aus, dass es bis zum Jahresende eine Friedenslösung geben dürfte.

Das ganze Gespräch mit Ulrich Schmid und seine Einschätzungen zur aktuellen Lage, der Wirkung der Sanktionen und ob der Westen standhaft bleiben kann, gibt es im Video.

Quelle: TVO
veröffentlicht: 8. Juni 2022 22:38
aktualisiert: 8. Juni 2022 22:55
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