Klimapolitik

«Die andere Option ist ein unkontrollierter Blackout» – schaffen wir die Energiewende?

Philomena Koch, 23. September 2022, 14:25 Uhr
Die Energiekrise weckt die Klimapolitik. Am Freitag geht die Klimajugend wieder auf die Strassen. Gleichzeitig wurden am Donnerstag am Energieforum Flumserberg Massnahmen zu der Energiewende 2050 diskutiert.
In vielen Städten der Schweiz gehen am Freitag Klimastreikende auf die Strassen.
© St.Galler Tagblatt/Urs Bucher

In den vergangenen Wochen ist es ruhiger um die Klimastreiks geworden. An diesem Freitag will der Klimastreik Schweiz deshalb mit landesweiten Protesten wieder auf sich aufmerksam machen. Dafür gehen die Streikenden auch in St.Gallen auf die Strassen. Um 16.00 Uhr trifft sich die Bewegung beim Bauernmarkt in St.Gallen und möchte die Politik mit einer Demonstration und verschiedenen Reden erneut auf die Klima-Problematik aufmerksam machen.

Jetzt muss etwas passieren

In Bern werde laut den Aktivistinnen und Aktivisten immer noch zu langsam darauf reagiert. Gemäss Reto Knutti, Professor für Klimaphysik ETH Zürich, gebe es für dieses langsame Tempo mehrere Gründe. «Es gibt technische Schwierigkeiten, regulatorische Hürden, wo man es den Leuten einfach schwierig macht, und es gibt auch viele falsche Anreize. Zum Beispiel bei den Photovoltaikanlagen: Die Anlagen sind halb so gross geworden, obwohl die Panels eigentlich günstiger geworden sind. Da denken die Leute nur daran, was brauche ich für mich, es lohnt sich nicht einzuspeisen. Es müssen andere Marktanreize gesetzt werden, damit es sich für den Endbenutzer lohnt», sagt Knutti gegenüber TVO.

Gleichzeitig wurde in Bern selten so ausführlich über Klimafragen diskutiert wie in der aktuellen Energiekrise. Auch in der Ostschweiz setzt man sich gerade jetzt intensiv mit dem Thema auseinander. Zu Recht, denn die Schweiz ist beim Thema Strom eher im Hintertreff. Wenn die Schweiz die Energiewende bis 2050 erreichen will, muss es jetzt vorwärtsgehen.

Der Weg aus der Stromkrise am Energieforum Flumserberg

Wie die Massnahmen dazu aussehen sollen, wurde am Donnerstag auch am Energieforum Flumserberg thematisiert. Verschiedene Experten wiesen in Flumserberg auf die Dringlichkeit der Umstellung auf erneuerbare Energien hin. Auch Knutti. «Langfristig müssen wir alles machen, was wir zur Verfügung haben, sonst kommen wir nicht aus der Abhängigkeit der fossilen Brennstoffe und der Atomkraftwerke heraus. Der Ausbau von Solaranlagen ist dafür am einfachsten und schnellsten», sagt er gegenüber TVO.

Aber auch in Wind und Wasser müsse man weiterhin investieren. «Ohne Kompromisse wird es nicht gehen. Wir können nicht gleichzeitig den Klimaschutz wollen und alles andere in den Bergen so belassen, wie wir es hatten. Die andere Option ist ein unkontrollierter Blackout. In diese Richtung wollen wir sicher nicht gehen», betont Reto Knutti. Für ihn sei klar, dass es günstiger wird, den Klimawandel zu bekämpfen, als zu warten, bis es schiefgeht und danach aufzuräumen.

Für härtere Massnahmen steht auch Jürg Rohrer, Leiter Institut Umwelt und natürliche Ressourcen ZHAW, ein. Er geht noch einen Schritt weiter und fordert einen Gesetzeszwang für erneuerbare Energien. «Alle wissen, erneuerbare Energien haben ein grosses Potenzial. Alle wissen, man könnte etwas machen, aber man verschiebt es dann sehr gerne auf später», sagt Jürg Rohrer. Wenn man keine Obligatorien bei Neubauten und bestehenden Bauten einführen würde, könnte man dieses Potenzial nur zu einem kleinen Bruchteil abdecken.

«Zu viel Energie für nichts»

Die Zukunftssorgen rund um Flumserberg selber seien gross. Obwohl im Sarganserland viel Strom produziert werde, verteile man diesen an andere Orte auf, sagt Niklaus Gantner, der Präsident des Energieforums Flumserberg. «Wir haben hier eine Tourismusindustrie, die sehr viel Strom braucht: Für die Bahnen, das Beschneien und die ganzen Industrieanlagen in der Region ist der Strom für uns überlebenswichtig», sagt Gantner.

Zu viel Energie für nichts sei einer der Antriebsgründe für die Organisation dieses Forums. «An dem Forum wird nicht nur über Energie und Strom geredet, sondern auch über unser Verhalten», das sei an der Veranstaltung wichtig, sagt Niklaus Gantner. Mit dem Energieforum komme die Wichtigkeit von erneuerbaren Energien überall etwas an, glaubt Gantner.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. September 2022 14:25
aktualisiert: 23. September 2022 14:25
Anzeige