Bodensee

Forscher warnen vor Vogelsterben

2. September 2019, 15:35 Uhr
Insbesondere im Kulturland lebende Arten wie das Braunkehlchen zeigen einen dramatischen Abwärtstrend.
Insbesondere im Kulturland lebende Arten wie das Braunkehlchen zeigen einen dramatischen Abwärtstrend.
© Frank Vassen, Flickr CC BY 2.0
Die Vogelschar wird kleiner: Ob Amsel, Haussperling oder Star - in den vergangenen Jahrzehnten sind die Bestände am Bodensee drastisch zurückgegangen, gerade bei einst häufigen Arten. Ähnliche Tendenzen beobachten Forschende in der Schweiz.

Binnen 30 Jahren ist die Zahl von Brutvogelpaaren am Bodensee um ein Viertel gesunken. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell, Deutschland. 1980 lebten demnach am Bodensee noch rund 465'000 Brutpaare, 2012 nur noch 345'000.

Einst häufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star seien besonders stark zurückgegangen, sagte Hans-Günther Bauer, einer der Autoren des Beitrags, der in der Zeitschrift «Vogelwelt» veröffentlicht wurde. Die Entwicklung am Bodensee spiegle zugleich einen europaweiten Abwärtstrend wider.

Das bestätigt auch Livio Rey von der Vogelwarte Sempach LU für die Vogelbestände in der Schweiz. Zwar sei es schwierig, einen direkten Vergleich anzustellen, da sich die Monitoring-Methoden unterscheiden, die Trends seien jedoch ähnlich.

Dramatischer Rückgang im Kulturland

Insbesondere bei Brutvogelarten im Schweizer Landwirtschaftsraum stellt die Vogelwarte Sempach einen katastrophalen Rückgang fest. «Die Bestände der 29 typischen Landwirtschaftsarten haben in den letzten 25 Jahren um mehr als die Hälfte abgenommen», sagte Rey gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Grund dafür ist der hohe Dünger- und Pestizideinsatz der intensiven Landwirtschaft.»

Auch für die Verfasser der Langzeituntersuchung am Bodensee gelten heutige Agrarlandschaften als vogelfeindliches Gebiet. Das einstmals in der Agrarlandschaft häufige Rebhuhn zum Beispiel ist rund um den Bodensee inzwischen ausgestorben. «Auch Raubwürger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort heute nicht mehr», sagte Studienautor Bauer.

Für die Datenerhebung hatten die Wissenschaftler sämtliche Vögel auf einer Fläche von rund 1100 Quadratkilometern rund um den Bodensee gezählt. Zuvor hatten die Ornithologen die Bestände erstmals 1980 bis 1981 und dann im Zehn-Jahresrhythmus erfasst.

Einer der Hauptgründe für den Rückgang sei der Verlust von Nahrung. So hätten am Bodensee 75 Prozent der Fluginsekten fressenden und 57 Prozent der Vogelarten abgenommen, die sich von Landwirbellosen ernähren. «Dies bestätigt, was wir schon länger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus», erklärte Bauer. Die Forschungsgruppe fordert unter anderem drastische Beschränkungen von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln.

In der Schweiz sieht es ähnlich aus: «Speziell die Arten, die im Landwirtschaftsland leben und sich nur von Insekten ernähren, zeigen dramatische Bestandseinbrüche um 60 Prozent seit 1990», erläuterte Rey.

Insektenfresser schwinden

Auch europaweit ging die Zahl der von Insekten lebenden Vögel in den vergangenen 25 Jahren deutlich zurück. Bachstelze, Wiesenpieper oder Rauchschwalbe - durchschnittlich um 13 Prozent sank die Zahl dieser Vögel laut einer im März im Fachjournal «Conservation Biology» veröffentlichten Studie.

Viele Vögel fänden auf den von Menschen intensiv genutzten Flächen kaum mehr Lebensräume und Brutplätze, erläuterte Bauer. So verschwänden auch aus den Dörfern und Städten rund um den Bodensee die Vögel. «Offensichtlich können die Tiere inmitten der Häuserschluchten, Zierbäume und sauberen Nutzgärten immer seltener erfolgreich brüten.»

Allerweltsvögel wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (je minus 24 Prozent) litten massiv unter den verschlechterten Lebensbedingungen.

Hier unterscheiden sich allerdings die Befunde für die Schweiz, wie Rey erklärte. Bei Waldvogelarten wie Amsel, Rotkehlchen oder verschiedenen Meisenarten beobachte man in der Schweiz eine Zunahme der Brutpaare. Sie profitieren von naturnaher Waldbewirtschaftung ohne Dünger und Pestizide, der Zunahme von Totholz und der Ausdehnung der Waldfläche im Alpenraum.

Auch nach den massiven Trockenheitsschäden in Schweizer Wäldern nach dem Sommer 2018 sei höchstens mit kleinen Schwankungen der Waldvogelbestände zu rechnen. «Die Situation der Kulturlandvögel ist ungleich dramatischer», sagte Rey.

Aus Daten des europaweiten Vogelmonitoringprogramms PECBMS geht hervor, dass die europäischen Bestände der Feld- und Wiesenvögel in Europa von Beginn der Zählungen ab 1980 bis 2016 um 57 Prozent zurückgegangen sind; zu ihnen zählen Feldlerchen, Kiebitze oder Stare. Für die Studie wurden Daten aus 28 Ländern über 170 Arten zusammengetragen. Weit besser als den Feldvögeln erging es den Waldvögeln, deren Bestand europaweit im beobachteten Zeitraum nur um sechs Prozent zurückging.

Quelle: sda
veröffentlicht: 2. September 2019 15:10
aktualisiert: 2. September 2019 15:35