«Zölibat ist alles andere als zeitgemäss»

Von Dario Cantieni
Florentina Camartin vor der Kirche in Brigels
Florentina Camartin vor der Kirche in Brigels © FM1Today/Dario Cantieni
Aus den Bündner Bergen direkt zum Papst. Mit ihrer Online-Petition will Florentina Camartin aus Brigels erreichen, dass das Zölibat freiwillig wird. Eine Woche läuft die Unterschriftensammlung bereits. Mit ungeahnten Folgen.

Rote Geranien heben sich von den dunklen Holzfassaden ab, ein Postautofahrer zirkelt sein Gefährt durch die engen Gassen und vor dem Volg trifft man sich auf einen Schwatz. Brigels, ein Bündner Bergdorf wie aus dem Prospekt. Die Metzgerei bietet Capuns an, «Heute Zwetschgen-Wähe» liest man auf dem Schild vor der Bäckerei und «Pfarrer gesucht» sollte eigentlich an der Kirche stehen. Seit gut zwei Monaten steht das Dorf ohne da. Verliebt hat er sich, der allseits beliebte Pfarrer. Und konnte so nicht weiter praktizieren. Stichwort Zölibat. Dem soll es nun an den Kragen gehen. Darin sind sich die meisten Bewohner von Brigels einig.

Zölibat gab es nicht immer

Treibende Kraft hinter dem Vorhaben ist Florentina Camartin. 75-jährig, pinke Bluse, ansteckendes Lachen, um den Hals einen Anhänger, der sie an Jesus erinnert. Wir treffen uns in ihrem Elternhaus am Dorfrand von Brigels. Was früher als Kinderzimmer gedient hat, ist heute ihr Büro. Die Wände sind voller Bücher, daran angelehnt Bilder von Heiligen, Kreuzen und einem Kloster. Camartin hat ihr Leben lang der Kirche gedient, jetzt will sie sie verändern. «Ich will, dass jeder selber über sein Leben bestimmen kann», sagt sie mit fester Stimme. Es könne nicht sein, dass ein guter Pfarrer wegen des Zölibats aufhören müsse. «Die ersten 1000 Jahre nach Christus ging es auch ohne.» Früher sei es üblich gewesen, dass Berufe weitergegeben worden seien. So sei der Sohn des Pfarrers eben auch Pfarrer geworden, auch wenn er überhaupt nicht dazu geeignet war. Und um dem vorzubeugen, habe man im Mittelalter das Zölibat eingeführt. Dieses sei nun aber alles andere als zeitgemäss, findet Camartin.

Ohne Pfarrer nützt die schönste Kirche nichts – Dorfplatz in Brigels. (Bild: FM1Today/Dario Cantieni)

Reaktionen aus aller Welt

So hat sie sich an den Computer gesetzt und mit etwas Hilfe online eine Unterschriftensammlung gestartet. Stand Freitagmittag sind bereits über 2’000 Unterschriften eingegangen. Es soll erreicht werden, dass das Zölibat irgendwann freiwillig wird. «Es meldeten sich Leute aus Deutschland, Luxemburg, Österreich, Italien, Litauen, ja gar Washington und Argentinien», sagt sie. Um gleich darauf vom Klingeln des Telefons unterbrochen zu werden.

Ein paar Worte auf Romanisch, dazwischen Fetzen auf Deutsch. «Registrieren, Unterschreiben, Bestätigen.» Jeden Tag kriegt Camartin mehrere Telefone von Leuten, die keinen Computer haben, aber trotzdem ihre Unterschrift abgeben wollen. «Diesen schicke ich einen Unterschriftenbogen per Post», sagt sie, klebt eine Marke mit dem Konterfei des Papstes auf den Umschlag und lacht über die Ironie. «Die Marke habe ich einmal geschenkt gekriegt und jetzt passt sie perfekt.» Denn irgendwann sollen die Unterschriften dem Papst vorgelegt werden. Um ihm zu zeigen, dass viele Leute nicht am Zölibat festhalten wollen. Bis dahin muss sie aber noch einige Telefonate führen und Bögen verschicken. «Vor zwei Tagen konnte ich nicht einmal etwas essen, so viel zu tun hatte ich.» Die Petition wird bald auch auf Portugiesisch, Englisch und Französisch übersetzt, um noch mehr Leute in der Welt zu erreichen.

Das Dorf steht hinter ihr

Ein kleiner Spaziergang durch Brigels zeigt schnell, das Zölibat ist ein Thema im Dorf. Und dessen Lockerung für die meisten eine Notwendigkeit. «Das sollte man schon lange erlauben.» «Dann gäbe es vielleicht mehr Pfarrer, die auch bleiben würden.» oder «Es ist Zeit, dass die katholische Kirche unserer Zeit angepasst wird.» Es tue gut, so viel Unterstützung zu kriegen, sagt Camartin. «Man merkt, es ist den Leuten ein Anliegen, die Kirche ist ihnen nicht egal.» Erneutes Telefonklingeln. Der Sonntagsblick will ein Interview. «Wenn man sich für etwas engagiert, dann muss man es auch durchziehen», sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat. Will heissen, den Medien auch weiterhin Red und Antwort stehen. Und irgendwann die gesammelten Unterschriften dem Papst übergeben. Die nächsten fünf Monate läuft die Online-Petition nun. Aber Camartin sagt: «Wir machen so lange weiter, bis keine neuen Unterschriften mehr kommen.»

Florentina Camartin verschickt Unterschriftenbögen auch per Post. (Bild: FM1Today/Dario Cantieni)


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