Kran-Kletterer

Psychologe: «Aggression und zerstörende Elemente waren mit im Spiel»

17. Mai 2022, 17:21 Uhr
Der Zwischenfall mit dem Kran-Kletterer am Bahnhof Oerlikon wirft viele Fragen auf. Psychologe Felix Hof analysiert die Motive des unbekannten Mannes und schätzt ein, wie nun wohl mit ihm verfahren wird. Ausserdem wirft er den Schaulustigen eine gewisse «Sensationsgeilheit» vor.
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Quelle: TeleZüri / Eduard Brand

Stundenlang hielt ein Mann, der auf einen Kran in Oerlikon geklettert war, Behörden und Bewohner in Atem. Er warf auch Gegenstände vom Kran und verletzte dabei eine Angehörige der Feuerwehr. Nach 15 Stunden liess sich der Kletterer von den Einsatzkräften vom Kran führen. Psychologe Felix Hofer sieht in der Aktion eine Mischung aus sehr intensiven Gefühlen. «Absolute Verzweiflung, absolute Not und ein Riesen Hilfeschrei. Auf der anderen Seite auch ein Bedürfnis, gesehen zu werden, Aufmerksamkeit zu generieren, im Mittelpunkt zu stehen.» Aber auch eine gewisse Aggression, ein zerstörerisches Element sei vorhanden gewesen. «Schliesslich hat der Mann auch Sachen nach unten geschmissen und mehrere Feuer gelegt.»

Ein möglicher Suizidversuch?

Sollte der Mann vorgehabt haben, Suizid zu begehen, so war diese Entscheidung auf keinen Fall definitiv, ist sich der Psychologe sicher. «Bei Menschen mit finalen Selbsttötungsabsichten läuft wie eine Art Film ab. Wer sich dafür definitiv entschieden hat, der bringt es meistens auch zu Ende. Wenn beim Mann die Absicht da war, dann herrschte aber immer noch ein Ambivalenzkonflikt: Es waren also auch Kräfte vorhanden, die am Leben bleiben wollten, die das Leben weiterführen wollten.»

Die Zukunft des Mannes sieht der Experte fürs erste ganz klar in einer geschlossen und gesicherten Abteilung. «Diese ist auch zu seinem Schutz notwendig. Hier muss abgeklärt werden, wie es ihm geht. Man muss einen Zugang zu ihm finden und schauen, ob er für eventuelle Behandlungen offen ist.»

Sensationsgeilheit der Schaulustigen?

Wenig Verständnis hat Psychologe Hofer für die allermeisten Schaulustigen vor Ort. «Natürlich gibt es Menschen, die bei solchen Ereignissen dabei sind, weil sie mitfühlen und innerlich bangen. Das sei ihnen auch zugestanden. Dann gibt es aber auch die Sensationsgeilen, wenn man es böse formulieren mag», so Hofer.

An solche Orte zu pilgern, um zu schauen, ob die Rettung gelingt oder etwas Schlimmeres passiere, halte er für wenig rühmlich. «Es erstaunt mich schon, dass Menschen da hinwollen.» Schliesslich könnte ein tragisches Unglück auch für die Menschen vor Ort schwere Folgen haben. «Einen Suizid mitzuerleben kann hochwirksame psychische Folgen verursachen, bis hin zu traumatischen Belastungsstörungen. Es ist nicht ratsam, an solchen Orten zu verweilen und seine Sensationsgier zu stillen.»

(baz)

Quelle: TeleZüri / Eduard Brand
veröffentlicht: 17. Mai 2022 17:06
aktualisiert: 17. Mai 2022 17:21
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