Contact Tracing

«Unrealistisch, dass 300 Partygänger in Quarantäne müssten»

Géraldine Bohne, 12. Juni 2020, 10:53 Uhr
Es müssen bei einem Coronavirus-Fall sich nicht alle 300 Partygänger, welche im Club waren, in Quarantäne begeben. (Symbolbild)
© iStock
Die Schweiz hat die Bestimmungen vor wenigen Tagen weiter gelockert, Nachtclubs und Sporttrainings dürfen unter anderem wieder besucht werden. Wer muss nun aber in Quarantäne, wenn eine Person im Ausgang oder beim Sport infiziert war? Ein Experte erklärt.

In Restaurants, Nachtclubs oder bei Sporttrainings – das Angeben der Kontaktdaten gehört zum neuen Alltag. Es verunsichert und wirft Fragen auf: Muss ich nach einer Partynacht in Quarantäne, wenn eine Person im Club infiziert war? Wie wird es gehandhabt, wenn jemand aus meinem Sportteam positiv getestet wurde? Fredy Koller, Leiter des Führungsstabs St.Gallen, erklärt, wie oft ein Contact Tracer die Kontaktdaten braucht und wie das Vorgehen bei einer Ansteckung in einem Club abläuft.

Weniger als zwei Meter, länger als 15 Minuten

«Wird eine Person positiv auf das Virus getestet, wird sie von uns kontaktiert», so Koller. Dann müsse ausfindig gemacht werden, wo sich die Person infiziert habe. «Die meisten Personen können noch sehr genau sagen, mit wem sie näheren Kontakt hatten.» Mit näherem Kontakt sind weniger als zwei Meter Abstand über mehr als 15 Minuten gemeint. Die infizierte Person sowie jene Kontaktpersonen werden von den Contact Tracern des Kantons angewiesen, sich in Isolation respektive Selbst-Quarantäne zu begeben. «Das heisst, sie dürfen das Haus für 10 Tage nicht mehr verlassen, auch nicht fürs Einkaufen», sagt Fredy Koller. Sie werden dabei von den Contact Tracern unterstützend begleitet und täglich telefonisch kontaktiert.

Pro Infizierter kamen im Mai durchschnittlich zwei bis drei Kontaktpersonen hinzu, die sich in Selbst-Quarantäne begeben mussten. «Das tönt nach sehr wenig. Aber im Mai gab es noch nicht so viele Lockerungen und die Personen haben sich hauptsächlich in der Familie oder bei der Arbeit angesteckt.» Dass sich die Zahlen der Coronavirus-Fälle sowie der Kontaktpersonen erhöhen werden, sieht Fredy Koller wegen den Lockerungen als wahrscheinlich. «Wir sind mit einem grossen Team vorbereitet.»

«Unrealistisch, so viele Personen in Quarantäne zu schicken»

Seit den neusten Lockerungen können sich Personen auch wieder in Clubs und bei Sporttraining anstecken. Um die Infektionsketten nachverfolgen zu können, müssen Kontaktdaten abgegeben werden. Heisst das nun, dass sich beispielsweise alle Partygänger bei einem Coronavirus-Fall in Quarantäne begeben müssten? «Nein, es wäre unrealistisch, so viele Personen in Quarantäne zu schicken», sagt Fredy Koller. Die abgegebenen Kontaktdaten werden oftmals nur zum Informieren aller Personen gebraucht. «Isolieren müssen sich wahrscheinlich nur die engen Freunde oder Freundinnen, die zusammen feiern waren.»

Nur engster Kontakt muss in Isolation

Ähnlich sieht es beim Besuch von Trainings oder von Schulen aus. Es sei nicht zwingend, dass sich eine ganze Klasse bei einem Virusfall isolieren müsste. «Wir versuchen, den engsten Kontakt einzugrenzen», sagt Koller. Ein solches Contact Tracing, also das Kontaktieren der infizierten Person und das Ausfindigmachen der Kontaktpersonen, geschieht oftmals innerhalb nur einer Stunde. 20 Personen stehen im Kanton St.Gallen dazu im Einsatz.

«Der Contact Tracer konzentriert sich in erster Linie um die infizierten Personen und deren Kontakt.» Das Melden an Clubs, Fitness und anderen Betrieben habe keine Priorität. «Bis anhin haben wir auch die Kontaktdaten nicht gebraucht», sagt Fredy Koller. Das könne sich in Zukunft aber noch ändern.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 11. Juni 2020 09:45
aktualisiert: 12. Juni 2020 10:53