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Bye, Bye Bahnersatz-Bus!

Fabienne Engbers, 8. September 2018, 10:19 Uhr
Genau zwei Monate lang haben Reisende zwischen St.Gallen und Romanshorn bis Wittenbach den Bahnersatz nehmen müssen. Ab Montag können Pendler wieder bis St.Gallen durchfahren. Ein Erfahrungsbericht.
FM1Today/Fabienne Engbers

«Grüezi, willkomme im Bahnersatz uf Wittebach!» Der Bahnersatzfahrer zwischen St.Gallen und Wittenbach begrüsst seine Fahrgäste oft persönlich. Ist man damit ein bisschen weniger hässig auf die SOB, welche die Strecke zwischen Wittenbach und St.Gallen saniert und man deshalb deutlich mehr Zeit einrechnen muss, um von St.Gallen in den Oberthurgau zu kommen? Ein bitzeli. Ich spüre tatsächlich, wie die Wut in meinem Bauch, die sich seit der Ankündigung der Bauarbeiten angesammelt hat, ein winziges bisschen kleiner wird.

«Ups, ich komme eine halbe Stunde später»

Vom Frühjahr bis Juli 2018 fuhr der Bahnersatz jeweils ab 21 Uhr - eine Angewöhnungsphase an den Sommerfahrplan sozusagen. Man konnte des Abends gemütlich vom Bahnhof Wittenbach in den Zug umsteigen und umgekehrt, der Bus war pünktlich, der Zug stand jeweils bereit. Da dachte ich: «So schlimm wird es wohl nicht werden.»

Als es dann soweit war, ging es aber erst ein paar Tage, bis man sich an die Umstellung gewöhnt hatte. Mehr als ein Mal stand ich am Bahnhof St.Gallen und wollte aufs Perron laufen, da hörte ich die Durchsage: «Der Bahnverkehr zwischen St.Gallen und Romanshorn ist unterbrochen.» SHIT. Eine kurze Nachricht an die Kollegin, die ich zum Pedalofahren am See treffen wollte. «Du, ich komme eine halbe Stunde später, sorry, Bahnersatz...» Dann 20 Minuten lang Zeit totschlagen, bis der nächste Bus fuhr. Der Coop am Bahnhof wird sich über den Umsatz gefreut haben.

15 Minuten länger unterwegs? Easy. Kein Ding.

Meist funktioniert der Anschluss von Bus zu Zug und umgekehrt gut, ich brauche für die Strecke von Neukirch-Egnach bis St.Gallen mit dem Bahnersatz rund 15 Minuten länger, als wenn der Zug durchfahren würde. So weit, so gut. In die andere Richtung, von St.Gallen nach Neukirch-Egnach, ist das Ganze aber ein bisschen komplizierter.

Geht alles nach Plan, kann ich den Bus um 17.21 Uhr nehmen, dann in den Zug in Wittenbach einsteigen und bin um 17.55 Uhr am Ziel. Genau aber um diese Zeit, im Feierabendverkehr, ist der Bus auf der Strasse halt nicht so schnell unterwegs und der Zug in Wittenbach fährt pünktlich ab. Dann passiert es schon das eine oder andere Mal, dass man besser einen Bus früher, oder dann einen Zug später nehmen muss. So verlängert sich die Reisezeit zwischen St.Gallen und Romanshorn von ursprünglich 25 Minuten auf eine gute Stunde. Zum Vergleich: Mit dem Auto (das ich nicht besitze) braucht man rund 20 Minuten, im Feierabendverkehr vielleicht 30 Minuten für die Strecke.

Deshalb ähnelte mein Gesicht ab und an bei verpassten Anschluss wohl diesem:

Eineinhalb Stunden für eine 20-minütige Strecke

Ganz schlimm hat es mich nur einmal erwischt. Dafür so richtig. Es hat in Strömen geregnet (diesen Sommer ist das zum Glück nicht ganz so oft geschehen).

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Ich dachte, jetzt bist du mal ganz schlau und gehst so früh, dass du einen Bus früher erwischt.

Naja. Der Bus kam nicht (pünktlich). Und auch der nächste war irgendwie nicht zur rechten Zeit am rechten Ort. Mittlerweile war ich klatschnass. Zum Glück traf ich zwei Freunde, die ebenfalls in die gleiche Richtung mussten und mit denen ich mich gemeinsam enervieren konnte. So haben wir nach einer halben Stunde Wartezeit am Bahnhof den Anschlusszug verpasst und mussten auf den nächsten Zug warten. Ergebnis: Von St.Gallen bis Romanshorn brauchte ich anderthalb Stunden. Meine Sitzung (zu der ich eigentlich mehr als pünktlich gewesen wäre) hatte ich grösstenteils verpasst. Hässig war aber eigentlich niemand wirklich. «In drei Wochen ist der Gspass ja vorbei», sagten meine Freunde. Und auch ich merkte mal wieder, dass nicht die Welt untergeht, wenn man für ein Mal zu spät kommt.

Entschleunigung im Bus und im Zug

Und ja, die Hölle des öV-Sommers schien tatsächlich irgendwann zu Ende zu gehen. Zwischenzeitlich konnte man es fast nicht glauben, aber jetzt, wo der Bahnersatz-Bus die nächsten zehn Tage wieder (wie schon von Anfang bis Juli 2018) ab 21 Uhr zum Einsatz kommt, bin ich doch ein bisschen traurig. Aber nur ein bisschen, nämlich dann, wenn einen der Buschauffeur begrüsst und verabschiedet. «Mir sind z'St.Galle aacho, ich wünsch Ihne ganz en schöne Tag und ä gueti Wiiterreis, adé mitenand!»

Die Totalsperre zwischen St.Gallen und Wittenbach hat neun Wochen gedauert, in dieser Zeit wurden der Bruggwald- und der Galgentobeltunnel auf der Strecke, die über hundert Jahre alt ist, saniert. Die letzten Tage vor der Inbetriebnahme wurde dreischichtig und mit Hochdruck gearbeitet, schreibt die Südostbahn SOB in einer Mitteilung. Ab Ende September wird der Bahnhof Wittenbach weiter erneuert. Zugverspätungen und Bahnersatzbusse soll es allerdings nicht mehr geben.
Fabienne Engbers
veröffentlicht: 8. September 2018 09:38
aktualisiert: 8. September 2018 10:19