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Gegen Pläne der Armee

Der Widerstand wächst: Toggenburger wollen keine Militär-Drohnen in ihren Bergen

Nico Conzett, 1. Oktober 2021, 11:00 Uhr
Das Schweizer Militär will eine Übungszone für seine Drohnenpiloten einrichten – im Obertoggenburg auf der südlichen Säntisseite. Das Vorhaben stösst auf Widerstand von Politik, Bevölkerung und Vereinen. Das Militär zeigt sich gesprächsbereit.
Die Militärdrohnen sind zwar klein, aber verursachen trotzdem Lärm. (Bildmontage)
© FM1Today

Das Gebiet auf der Südseite des Säntis im Toggenburg ist idyllisch: Der Gräppelensee bietet, umrahmt von verschiedenen Gipfeln wie dem Neuenalpspitz oder dem Lütispitz, ein malerisches Bild und einen beliebten Ort für verschiedene Freizeitaktivitäten wie Wandern oder Gleitschirmfliegen. Im Osten thronen der Säntis und der Wildhauser Schafberg majestätisch über der Talsenke.

Einschränkungen für Gleitschirmflieger

Doch nicht immer geht es dort so friedlich zu und her. Das Gebiet rund um den Säntis ist auch eine der grössten Trainingszonen der Schweizer Armee. Seit Jahren trainieren verschiedene Einheiten am Fusse des höchsten Alpstein-Berges. Nun soll dort eine weitere Einheit Übungen absolvieren – das Drohnenkommando.

Die Armee plant eine Übungszone, in welcher die Piloten den Umgang mit Mini-Drohnen trainieren können, wie das St.Galler Tagblatt berichtet. Diese Pläne stossen auf eine Menge Skepsis. So beispielsweise bei den Gleitschirmclubs. Sollte die Übungszone tatsächlich zustande kommen, wäre das für die Pilotinnen und Piloten nämlich mit Einschränkungen verbunden: «Es wäre für Streckenflieger kaum mehr möglich, Flüge vom oder zum Alpstein zu machen. Dies würde den Alpstein massiv isolieren», sagt Lukas Gantenbein, Vorstandsmitglied des Gleitschirmclubs Toggenburg, gegenüber dem Tagblatt.

Armee: Gebiet für Übungen geeignet

Delphine Schwab-Allemand, Sprecherin der Armee, sagt gegenüber FM1Today: «Da sich der Schiessplatz auch für Übungen mit luftgestützten Nachrichtenbeschaffungsmittel im unübersichtlichen Gebirge eignet, soll im Rahmen der ordentlichen Belegung auch die Ausbildung von Mini-Drohnen ermöglicht werden.

Einschränkungen beispielsweise für Wanderer, Bauern oder Anwohnende gebe es keine.

Das Toggenburg hat keine Freude an den Drohnen

Auch von regionalpolitischer Seite findet das Militär keinerlei Zuspruch für die Drohnen-Pläne. Der Gemeindepräsident von Nesslau, Kilian Looser, drückte bereits gegenüber dem Tagblatt seinen Unmut aus: «Wir sind gegen die Zone und haben schon genug Belastung durch die militärischen Trainingsflüge. Das Gleiche gilt für die verschiedenen Jagdgebiete und die geschützten Auerhühner. Wir haben heute eine ausgewogene Lösung, die allen Anspruchsgruppen einigermassen gerecht wird.»

Ähnlich klingt es bei der Nachbarsgemeinde Wildhaus-Alt St.Johann, deren Gemeindegebiet ebenfalls von der Trainingszone überlappt würde. Rolf Züllig, der Gemeindepräsident, findet es zudem verwunderlich, dass die Gemeinden erst kürzlich und über Umwege von den Plänen der Armee erfahren haben: «Hätten wir früher davon erfahren, hätten wir natürlich Stellung bezogen.» Wie sein Nesslauer Amtskollege Looser kann Züllig den Armee-Plänen wenig abgewinnen.

Gemeinden wurden in der Vernehmlassung nicht miteinbezogen

Für Unmut sorgt insbesondere, dass die Gemeinden weder vom Bundesamt für zivile Luftfahrt (Bazl), noch vom Kanton St.Gallen im Rahmen der aktuell laufenden Vernehmlassung berücksichtigt wurden.

Das gilt auch für lokale Naturschutzorganisationen: Gar «unbegreiflich» ist das Vorhaben der Armee für Andreas Weber, Präsident des Naturschutzvereins Ebnat-Kappel/Nesslau. Er sagt gegenüber FM1Today: «Ich kann nicht verstehen, dass das Militär ausgerechnet in diesem Gebiet trainieren muss. Für die Natur ist das sehr problematisch.» Das besagte Gebiet sei Heimat von zahlreichen Säugetieren und Vögeln, die dort in speziell geschaffenen Wildruhezonen vor Jagd und Tourismus geschützt seien. Für gewisse Tiere, wie zum Beispiel das streng geschützte und sehr ruhebedürftige Auerhuhn, würden Drohnenflüge eine grobe Störung darstellen.

Was hat es mit der Trainingszone wirklich auf sich?

Christian Schubert, Mediensprecher des Bazl, erklärt gegenüber FM1Today, was es mit dem Vorhaben der Armee genau auf sich hat: «Die Armee hat einen Antrag eingereicht, mit welchem in besagtem Gebiet eine Flugbeschränkungszone für Übungszwecke errichtet werden soll.» Das Bazl regelt den Schweizer Luftraum und stellt entsprechende Bewilligungen aus, auch für die Armee.

Stimmt das Bazl dem Antrag des Militärs zu, wird die entsprechende Zone zu einer «restricted area», welche bei entsprechenden Armeeübungen aktiviert werden kann. Ist sie aktiviert, wird der Luftraum für andere «Luftverkehrsteilnehmer» eingeschränkt. Schubert betont: «Eine Flugbeschränkungszone ist kein Sperrgebiet.» Das Gebiet würde nicht komplett abgeriegelt. Wenn jemand aber einen Gleitschirmflug unternehmen möchte, müsste er dies bewilligen lassen, was je nach Situation abgelehnt werden kann.

«Riesengrosse Belastung für die Tiere»

Der Antrag der Armee sieht vor, dass während 40 Tagen im Jahr, zwischen 15. September und 15. Mai, die «restricted area» aktiviert werden darf. Das klingt zumindest für Gleitschirmflieger, welche zumeist in den Sommermonaten unterwegs sind, einigermassen verkraftbar.

Anders sieht es für die Natur aus. Urs Büchler, für das Obertoggenburg zuständiger kantonaler Wildhüter, sagt gegenüber FM1Today: «Nach meinen Informationen handelt es sich bei den Drohnen um kleine Drohnen, welche in maximal 150 Meter Höhe über dem Gebiet fliegen. Wenn die Drohnen in der südlichen Alpsteinkette regelmässig geflogen werden, ist das für Gämsen und Steinböcke, die dort den Winter verbringen, eine riesengrosse Belastung.» Das Bergwild würde in dieser Zeit ohnehin schon um das Überleben kämpfen – eine zusätzliche Beunruhigung und Störung durch Drohnen sei deshalb alles andere als begrüssenswert.

Widerstand ist wohl zwecklos

Büchler sagt deshalb klar: «Wir lehnen das Vorhaben der Armee in diesem Gebiet auf jeden Fall ab.» Fraglich ist einzig, ob der Widerstand der Toggenburger überhaupt eine Chance hat, die Situation zu beeinflussen. Thomas Unseld, der Generalsekretär des Kantons St.Gallen, erklärt gegenüber FM1Today: «Es handelt sich beim Antrag der Armee lediglich um eine Veränderung der Luftraumstruktur.»

Das heisst: Weil die Armee ohnehin Übungen im Säntisgebiet durchführen darf, kann sie dort eigentlich machen, was sie will. Mit der Veränderung der Luftraumstruktur würden nur die aviatischen Organisationen, beispielsweise die Gleitschirmclubs, direkt beeinflusst, indem sie zu bestimmten Zeiten nicht mehr fliegen könnten. An der Frage, ob die Armee überhaupt Drohnenübungen durchführen darf, ändert sich im Grunde nichts. Sie darf. Deshalb wurden auch Gemeinden und Wildhut in der Vernehmlassung nicht miteinbezogen.

So hat das Toggenburg wohl gar keine Wahl. Das Militär wird im südlichen Säntisgebiet rund um den Gräppelensee mit seinen Mini-Drohnen üben – komme, was wolle, und auch wenn nur die Wenigsten im Toggenburg Freude an der militärischen Drohnenpräsenz haben.

Hoffen auf Gesprächsbereitschaft der Armee

Kampflos aufgeben wollen die Toggenburger dennoch nicht. Rolf Züllig, Gemeindepräsident von Wildhaus-Alt St.Johann, erklärt gegenüber FM1Today, dass er nun in jedem Fall eine Verlängerung der Vernehmlassungsfrist beantragen wolle. Auch Wildhüter Urs Büchler will bei der Armee deponieren, dass er nicht einverstanden mit den Plänen ist.

«Jede und Jeder kann eine Stellungnahme zu den Plänen einreichen. Wir können den Unmut nachvollziehen, aber für die Armee geht es um die Erhöhung der Sicherheit im Luftraum», sagt Armeesprecherin Delphine Schwab-Allemand. Sie zeigt sich jedoch offen für Gespräche: «Wenn immer möglich wird auf Änderungsvorschläge eingegangen.»

Vielleicht lässt die Armee ja doch mit sich reden – Steinböcke, Auerhühner und Gleitschirmflieger würden es ihr danken.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 1. Oktober 2021 07:01
aktualisiert: 1. Oktober 2021 11:00