«Ein grosser Brocken»

Leila Akbarzada, 16. August 2017, 15:16 Uhr
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Der spezielle Umzug der «Villa Jacob» in St.Gallen ist in vollem Gange. Das Gebäude gleitet und rollt ein bis zwei Millimeter pro Sekunde. Dass es tatsächlich um 17 Uhr an seinem Ort steht, ist unwahrscheinlich. Eventuell verzögert sich die Verschiebung bis morgen Donnerstag.

«Es ist schon ein sehr spezieller Tag für mich. Viele Sachen können noch passieren, die wir im Vorfeld nicht sehen, von dem her bin ich etwas nervös», sagt Rolf Iten, Inhaber und Geschäftsführer der Iten AG Spezialhochbau. Er ist zuständig für die Verschiebung der «Villa Jacob».

Die Villa gleitet und rollt

Es gibt verschiedene Technologien, ein solches Gebäude zu verschieben. Bei der «Villa Jacob» musste man das Gefälle von acht Prozent miteinberechnen. «Deshalb wollten wir zuerst das Gebäude heruntergleiten und nicht rollen.» Am Schluss war es eine Mischung von beidem.

Bereits in Oerlikon im Einsatz

Das Gebäude wird verschoben, um einem Neubau zu weichen. Das entstehende «Marthaheim» ist für ältere Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Für Iten ist es nicht die erste Gebäudeverschiebung. Er war bereits in Oerlikon zuständig, wo ein Gebäude der SBB-Durchmesserlinie weichen musste. «Das Gebäude in Oerlikon war doppelt so gross und schwer wie die Villa Jacob. Aber auch dieses ist ein 'grosser Brocken'.»

3600 Tonnen auf zwölf Stahlträgern

Etwa zweihundert Stahlstützen wurden in das Haus eingebaut. Die Villa ist rund 3600 Tonnen schwer. Sie wird auf zwölf Verschubbahnen bewegt. «Auf jeder liegen etwa 300 Tonnen auf», so Iten.

Ein Millimeter pro Sekunde

Die Geschwindigkeit beträgt ein bis zwei Millimeter pro Sekunde. Auf die Stunde ausgerechnet sind das etwa eineinhalb bis drei Meter. «Es kommt natürlich darauf an, ob noch etwas dazwischen kommt. Wir müssen auch immer wieder kontrollieren», sagt Iten. Rund 20 Meter muss das Gebäude zurücklegen.

 Ständig begehbar

Man könnte theoretisch das Haus während der ganzen Verschiebung begehen: «Im Prinzip geht das. Man merkt im Gebäude selber nichts, es wäre sicher.»

Was heute nicht mehr üblich ist, erlebte Itens Vater: Er habe sehr viele Gebäude verschoben, die noch bewohnt waren. «Das macht man heute nicht mehr aufgrund des Lärms», sagt er.

Villa muss neuen Bauten weichen

Das Bauwerk auf dem Kreuzacker gehört zum Alterszentrum Josefshaus. Eigentümerin der Villa ist die Gemeinnützige- und Hilfs-Gesellschaft der Stadt St.Gallen (GHG). «Platz ist ein rares Gut in St.Gallen», sagt Patrick Müller, Geschäftsleiter der GHG.  Jahrelang hatte die GHG eine Lösung für das sanierungsbedürftige Marthaheim an der Unterstrasse gesucht. «Wir waren ziemlich frustriert in der Kommission», erinnert sich Pius Gemperli, Baukommissionspräsident der GHG und Architekt.

Einem in der Kommission sei es dann «verleidet», und der habe gesagt: «Warum verschieben wir diese Villa nicht einfach». Und nun sei ein sehr zentraler Platz für die Bedürftigen gefunden worden, der ideal sei.

Lange Planungsphase beendet

Nun, zehn Jahre später, sei es endlich soweit. Der Platz ist bald frei, die Bauarbeiten für den Neubau sind in Sichtweite. Ende 2019 soll der Neubau bezugsbereit sein.

«Wenn das Haus dann tatsächlich heute Abend dort steht, wo es soll, gehe ich nach Hause und genehmige mir einen Whiskey», sagt Müller. Mit dem Umtrunk muss er sich jedoch voraussichtlich gedulden. Denn Bauleiter Iten ist sehr sicher, dass sich die Villa nicht wie planmässig gehofft um 17 Uhr an ihrem neuen Platz befindet.

Frühestens 19 Uhr, wenn überhaupt...

«Ich denke nicht, dass wir pünktlich sind. Ich bin sehr zufrieden, wenn wir es auf 19 Uhr schaffen», sagt er. Je nach Untergrund könnte es aber auch sein, dass es länger dauert. «Dann erlauben wir uns, die Verschiebung morgen fertigzustellen.»

 

Leila Akbarzada
veröffentlicht: 16. August 2017 11:26
aktualisiert: 16. August 2017 15:16