Kanton St.Gallen

Frappanter Anstieg der Suizidrate – Politik fordert Analyse

30. Juni 2022, 21:44 Uhr
Es sind erschreckende Zahlen: 157 Suizide gab es letztes Jahr im Kanton St.Gallen, das sind 50 mehr als im Vorjahr. Nun wird die Politik hellhörig und fordert von der Regierung eine genaue Aufschlüsslung der Daten der Verstorbenen nach Alter und Beruf. Dies in der Hoffnung, Grundlagen zu erhalten, um die Situation verbessern zu können
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Weshalb die Suizidrate im Kanton St.Gallen so stark angestiegen ist, kann sich SVP-Kantonsrat Damian Gahlinger nicht erklären, zumal im Nachbarkanton Thurgau Suizide leicht abgenommen haben. Gemäss St.Galler Kriminalstatistik gab es im vergangenen Jahr 157 Suizide. 2020 waren es 107 Personen, die sich das Leben nahmen. Das ist ein Anstieg von 47 Prozent. St.Gallen verzeichnet damit den höchsten Wert seit fünf Jahren.

«Genau darum müssen wir der Sache vertieft nachgehen», sagt SVP-Kantonsrat Damian Gahlinger gegenüber dem Ostschweizer Fernsehen TVO.  «Bei einem solch wichtigen und traurigen Thema muss man etwas unternehmen. So viele Fälle darf es einfach nicht mehr geben.»

Auch Kantonspolizei ist mit höherer Suizidrate konfrontiert

Gahlinger hat nun eine Interpellatin eingereicht. Er möchte von der Regierung wissen, wie sie die Entwicklung beurteilt und verlangt, dass die Suizid-Zahlen nach Alter und Beruf aufgeschlüsselt werden. Der SVP-Kantonsrat will auch wissen, ob die höhere Suizidrate mit den Coronamassnahmen zu tun haben könnten.

Auch die Kantonspolizei St.Gallen ist mit dem massiven Anstieg der Suizidrate konfrontiert. Klärt jedoch die Beweggründe der einzelnen Personen, die Suizid begehen, nicht ab. Die Kantonspolizei beobachtet, dass Menschen immer öfter in psychische Ausnahmesituationen geraten.

«Es sind mehr Situationen, in denen Menschen polizeiliche Hilfe brauchen. Wir müssen zum Beispiel Einlieferungen in psychiatrische Kliniken übernehmen und im Extremfall einen Suizid feststellen», sagt Simon Anderhalden, Sprecher der Kantonspolizei St.Gallen.

Zuwenig psychologische Hilfe im Kanton St.Gallen

Gerade bei der psychiatrischen und psychologischen Versorgung – insbesondere von Jugendlichen – hapert es im Kanton St.Gallen massiv. Jugendliche in psychischen und seelischen Notlagen müssen bis zu einem halben Jahr auf einen Behandlungsplatz warten. Und auch wenn der Kanton über die prekäre Situation informiert ist, scheint er weder gewillt noch in der Lage zu sein, etwas zu unternehmen. Der Kanton prüfe noch Vorschläge zur Verbesserung und fürs Jahr 2023 sei eine neue Planung vorgesehen, liess er kürzlich auf Anfrage verlauten.

Dies dürfte für viele zu spät sein, denn ein Suizid zieht unglaublich viel Leid nach sich: Ein Mensch, der sich das Leben nimmt, macht im Schnitt weitere 135 Personen zu Betroffenen. Davon gehen Suizidexperten aus.

«Es ist die Familie, Blaulicht-Organisationen, die die Todesnachricht überbringen müssen oder auch Bahnpersonal, Arbeitgeber und Lehrpersonen und viele mehr», sagt Jörg Weisshaupt, Geschäftsführer Verein Trauernetz. Auch für ihn ist es deshalb wichtig, dass geklärt wird, weshalb im Kanton St.Gallen so viele Menschen Suizid begehen. Eine Aufschlüsslung nach Alter und Beruf könnte immerhin ein kleiner, erster Schritt sein.

(tvo/agm)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 30. Juni 2022 21:19
aktualisiert: 30. Juni 2022 21:44
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