Hochdruck: Reinigungsarbeiten bei Nacht

Nina Müller, 17. Mai 2019, 10:51 Uhr
Täglich fahren rund 87'000 Autos über die St.Galler Stadtautobahn. Das sorgt für ordentlich Schmutz in den Tunneln, weshalb diese zweimal jährlich gereinigt werden müssen. Wir haben die Gebietseinheit bei der Reinigungsarbeit begleitet.

Eine grosse Fahrverbotstafel steht vor der Autobahneinfahrt und mit Gelblicht fahren wir auf die gesperrten Strassen. Riesige Spezialfahrzeuge erzeugen ohrenbetäubenden Lärm, das Wasser aus dem Hochdruckreiniger schwebt wie Dunst durch die Tunnel und benetzt die Linse der Kamera. Ausgerüstet mit Schutzhelm und oranger Weste steigen Baubarbeiter Tobi und ich in den Korb des Lastwagenkrans um die Signaltafeln an der Decke zu reinigen.

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Quelle: FM1Today

In den Tunnel steckt viel sensible Technik

Gekonnt lässt er den Hochdruckreiniger über die Beschilderung des Rosenbergtunnels gleiten. «Es ist wichtig, dass Signaltafeln regelmässig gereinigt werden, damit sie leserlich bleiben», sagt Roland Dort, Stützpunktleiter der Gebietseinheit Neudorf. Bei den Signalen muss Tobi behutsam mit dem Hochdruckreiniger umgehen. In den Tunneln steckt viel sensible Technik, wie Kameras und Sensoren. «Es kommt deshalb vor, dass etwas beschädigt wird, wenn wir mit den groben Geräten säubern», sagt Dort. Deshalb werden vor Beginn der Reinigungsarbeiten alle Beleuchtungen in den Tunneln kontrolliert und Vorkehrungen für allfällige Reparaturarbeiten getroffen.

Roland Dort ist der Stützpunktleiter. Auf ihn kommen anstrengende Jahre zu. (Bild: FM1Today/Nina Müller)
Roland Dort ist der Stützpunktleiter. Auf ihn kommen anstrengende Jahre zu. (Bild: FM1Today/Nina Müller)

Die Abgase, welche durch den starken Verkehr entstehen, färben die Signaltafeln und Wände des Tunnels schwarz. Insgesamt wird in sechs Tagen eine Fläche von acht Fussballfeldern gereinigt. Ein grosser Teil der Arbeit ist die Säuberung der Tunnelwände. Eine dicke schwarze Suppe rinnt in den Abfluss, überall dort, wo die Reinigungslastwagen schon durch sind. Kaum ist das Spezialfahrzeug mit dem Hochdruckreiniger durch, ist der Trupp «Schmierfink» vor Ort. Er ist unter anderem dafür zuständig, dass die Notfall- und SOS-Türen gut geölt und damit sichtbar sind.

Baustellentouristen kommen regelmässig vor

Markus Weber, Projektleiter beim Astra ist extra von Winterthur angereist, um mit uns die Tunnelreiniger zu begleiten. Erschreckt schaue ich zu, wie er eine der SOS-Türen aufmacht. Ich erwarte einen schrillen Alarm und rot blinkendes Licht – doch nichts geschieht. «Während Tunnelarbeiten sind die Alarmsysteme in einem Wartungsmodus. Ansonsten würde sich das Licht rot färben und die Signaltafeln bei den Tunneleingängen auf gesperrt wechseln», sagt Markus Weber.

So können die Bauarbeiter ungestört ihrer Arbeit nachgehen. Gestört werden sie nur von Autofahrern, die trotz Absperrung im Tunnel landen. Mindestens zwei «Baustellentouristen», wie sie Dort und seine Mitarbeiter nennen, verirren sich pro Putzaktion in den Tunneln. «Die müssen wir dann wieder raus begleiten», erklärt der Stützpunktleiter.

Nachtarbeiten werden immer häufiger

Ansonsten kommt es selten zu Vorfällen und die Arbeiter kommen in einem unglaublichen Tempo voran. Nach drei Stunden sind die Wände gesäubert. Das ist auch gut so, denn das Zeitfenster für Nachtarbeiten ist knapp. Um 5 Uhr morgens muss die Autobahn wieder befahrbar sein. «Wir arbeiten so, dass der Verkehr möglichst wenig tangiert wird», sagt Weber.

Markus Weber, Projektleiter beim Astra, ist zuversichtlich, dass die Arbeiten ohne Verkehrskollaps durchgeführt werden können. (Bild: FM1Today/Nina Müller)
Markus Weber, Projektleiter beim Astra, ist zuversichtlich, dass die Arbeiten ohne Verkehrskollaps durchgeführt werden können. (Bild: FM1Today/Nina Müller)

Deshalb wird auch immer öfter in der Nacht gearbeitet, was aber die Dauer der Baustellen verlängert. Schliesslich braucht auch das Sperren und Entsperren der Autobahn Zeit.

Dies ist auch der Grund, weshalb die Instandsetzung der St.Galler Stadtautobahn rund sieben Jahre andauern wird. Da an Werktagen rund 87'000 Autos über die St.Galler Stadtautobahn fahren, wird während den umfassenden Bauarbeiten tagsüber jeweils «nur» eine Spur gesperrt. «Wir können deshalb nur bedingt zu Tageszeiten arbeiten. Das lokale Strassennetz in St.Gallen ist zu Stosszeiten jetzt schon ausgelastet. Umleitungen sind also keine Option», so Weber. Gleichzeitig versprüht er Optimismus: «Wir sind zuversichtlich, dass der Verkehr so nicht all zu stark darunter leiden wird.»

Tunnelreinigung ist Vorgeschmack auf Instandsetzung

In der Zwischenzeit ist es Mitternacht und wir sind am Ende unserer Besichtigung angekommen. Bereits nach drei Stunden sind wir ziemlich erschöpft und froh, dass wir die orangen Westen wieder zurückgeben können. Die Nachtarbeiter sind noch voll im Einsatz.

Die Abgase der Autos haben die Tunnelwände schwarz gefärbt. (Bild: FM1Today/Nina Müller)
Die Abgase der Autos haben die Tunnelwände schwarz gefärbt. (Bild: FM1Today/Nina Müller)

Ob die Arbeiten während der Nacht zusetzen, wollte ich von Tobi wissen: «Nein, ich finde die Abwechslung gut.» Diese Einstellung ist in Tobis Situation von Vorteil, denn die Tunnelreinigung ist nur ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Das Team von Stützpunktleiter Dort wird während der Instandsetzung vollen Einsatz zeigen müssen. Diesen Einsatz sollte man sich ins Gewissen rufen, wenn man sich das nächste Mal über die Baustelle auf der St.Galler Stadtautobahn aufregt.

Die Stadtautobahn wurde im Jahr 1987 eröffnet. Nach dreissig Jahren ist eine umfassende Instandsetzung notwendig. Die rund 500 Millionen Franken für die Sanierung werden vollumfänglich durch den Bund getragen. Die aktuellen Sperrungen für die Putzaktion erfolgen während elf Nächten bis am 29. Mai 2019. Ab Sommer beginnen die Arbeiten am Mittelstreifen. Details dazu gibt es hier.

 

Nina Müller
veröffentlicht: 17. Mai 2019 05:42
aktualisiert: 17. Mai 2019 10:51