Ostschweiz

Corona-Selbsttests: «Wir müssen jeden einzeln abpacken und registrieren»

31. März 2021, 08:28 Uhr
Die Apotheken sind derzeit stark ausgelastet. Vor Ostern ist die Nachfrage nach Schnelltests enorm gestiegen. Die Selbsttests ab nächster Woche sollen die Apotheken entlasten, dennoch befürchten viele einen enormen Mehraufwand.

«Ich könnte 24 Stunden lang im Minutentakt testen.» Das Interview mit Aida Mustafic, der Geschäftsführerin der Apotheke an der Langgasse in St.Gallen, wird immer wieder durch Kundenanfragen oder eingehende Anrufe unterbrochen. «Es ist wahnsinnig viel los.»

Testen ausserhalb der Betriebszeiten

Die Anfragen für Coronatests vor den Osterferien seien enorm. «Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen ihre Familien besuchen wollen. Das tut der Seele gut.» Deshalb hat sie für Menschen, die sich ohne Symptome testen lassen wollen, ein Test-Zeitfenster ausserhalb der Betriebszeiten geöffnet. «Am Gründonnerstag werden wir bis 19 Uhr testen.» Menschen mit Symptomen können sich immer melden: «Dafür müssen wir Zeit freischaufeln.»

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Quelle: tvo

«Es kommen viele, die über Ostern verreisen wollen»

In Wattwil bei der Apotheke Dr. Bütikofer AG werden in diesen Tagen vor den Osterferien bis zu 40 Coronatests pro Tag gemacht. «Wir haben sehr viel zu tun und sind mittlerweile bis nach Ostern ausgebucht«, sagt Inhaber Ernst Bütikofer. «Sehr viele, die über Ostern verreisen wollen, kommen derzeit für einen Test vorbei.»

Er hat wenig Verständnis dafür, dass der Bundesrat nun grossen Wert darauf legt, Symptomlose mit einem Schnelltest zu testen: «Die Symptome kommen erst vier bis fünf Tage nach der Ansteckung. Ein Schnelltest ist nicht so empfindlich wie ein PCR-Test und erkennt das Virus erst ab einer gewissen Viruslast. Die Schnelltests sind in den ersten Tagen der Infektion also sowieso negativ.» Einige Kunden, denen Bütikofer das erklärt, verzichten anschliessend auf das Testen. Für Menschen mit Symptomen versucht auch diese Apotheke immer Zeit zu finden.

Zusätzliches Personal eingestellt

Bei Claudia Meier, Präsidentin des Apothekerverbands St.Gallen und beider Appenzell, und selbst Inhaberin der Apotheke in Gossau, werden derzeit täglich rund 70 Tests gemacht. «Die Lage ist sehr angespannt, wir sind stark unter Druck. Vor Ostern gibt es keine Chancen mehr, ohne Symptome einen Coronatest zu machen.» Testmaterial sei genügend vorhanden, ein Problem stelle hingegen das Personal dar, das am Limit laufe. «Wir mussten zusätzliche Personen einstellen, die für administrative Tätigkeiten im Hintergrund zuständig sind», sagt Meier.

Hoher Aufwand für Apotheken bei Selbsttests

Erleichterung für die Apothekerinnen und Apotheker sollen die Selbsttests bringen. Bundesrat Alain Berset kündigte an, dass ab dem 7. April Corona-Selbsttests in den Apotheken gekauft werden können. Pro Person stünden fünf solche Tests pro Monat zur Verfügung. Weder in Wattwil noch in St.Gallen oder Gossau sind diese Selbsttests bis jetzt angekommen. «Ich erhalte täglich Anrufe, in denen Kunden gleich mehrere Fünferpackungen Selbsttests bestellen wollen. Wir haben diese Tests noch nicht und wissen daher auch nicht, ob sie tatsächlich ab Mittwoch verfügbar sein werden», sagt Aida Mustafic, die die Apotheke in der St.Galler Langgasse betreibt.

Die derzeit noch ausstehende Lieferung sei aber nur das eine. «Auf der anderen Seite müssen wir jeden einzelnen Selbsttest, den wir erhalten einpacken und bei der entsprechenden Krankenkasse erfassen. Das ist ein sehr grosser Aufwand.» Aida Mustafic macht sich auch Sorgen im Bezug auf die Kapazitäten. «Jeder erhält fünf Selbsttests gratis vom Bund. Bei rund 100 Kunden, die wir pro Tag haben, macht das 500 Test pro Tag und 2500 pro Arbeitswoche.» Werde das auf die Anzahl Apotheken in der Schweiz hochgerechnet, die diese Tests anbieten, also rund 1000, sei man bei über 2 Millionen Tests pro Woche. «Wir wissen nicht, wie viele Tests wir erhalten, deshalb haben wir beschlossen, pro Kunde erst einmal einen Test pro Woche abzugeben.»

BAG fordert Zurückhaltung

Trotzdem befürchtet Mustafic, dass die Kunden nächsten Mittwoch Schlange stehen werden. Martine Ruggli vom BAG forderte diesen Dienstag im Point de Presse die Menschen dazu auf am 7. April nicht gleich «die Apotheken zu stürmen», da noch nicht von Anfang an alle Selbsttest zur Verfügung stünden.

Wie Aida Mustafic hat auch Ernst Bütikofer aus Wattwil im Bezug auf eine Erleichterung der Apotheken durch die Selbsttests Bedenken: «Durch die Registrierung wird es einen unglaublichen Aufwand geben.» Ausserdem zweifelt er an der Genauigkeit dieser Tests. Die Nasenabstriche für zu Hause seien noch weniger empfindlich und deswegen noch weniger genau als die Schnelltests.

Dass die Kunden die Selbsttest nicht richtig anwenden können, glaubt Claudia Meier, Präsidentin des St.Galler und Appenzeller Apothekerverbands nicht: «Die Selbsttests sind für die Eigenanwendung relativ sicher und die Fachpersonen können bei der Abgabe Instruktionen geben.» Anders als beim Nasen-Rachen-Abstrich muss das Stäbchen bei den Selbsttests nur ganz vorne in der Nase eingeführt werden und ist somit weniger unangenehm.

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Quelle: CH Media Video Unit

Verteilung liegt in der Zuständigkeit Verbands

Auf Anfrage beim Kanton St.Gallen heisst es, dass es im Bezug auf das Testen nach Valenzen in den Schwerpunktpraxen gibt. «Es ist wichtig, dass diese genutzt werden und nicht alle drietk in die Apotheken gehen, die stark ausgelastet sind.» Auch Arztpraxen hätten noch freie Termine und Testkapazitäten.

Für die Verteilung der Selbsttest ab nächster Woche ist nicht der Kanton zuständig. Die Verteilung und Abgabe werde direkt zwischen dem Bund, den Grossisten und dem Schweizerischen Apothekerverband geregelt. Der Kanton sei bis jetzt nicht in die Organisation mit einbezogen worden.

(abl)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. März 2021 05:33
aktualisiert: 31. März 2021 08:28