Kommentar

Die Menschen oder die Wirtschaft in Gefahr bringen?

René Rödiger, 30. Oktober 2020, 13:04 Uhr
Der St.Galler Regierungspräsident und Gesundheitschef Bruno Damann.
© Michel Canonica/St.Galler Tagblatt
Der Kanton St.Gallen ist überfordert. Oder zumindest die Contact Tracer. Deshalb müssen enge Kontaktpersonen, die nicht im selben Haushalt leben wie Infizierte, nicht mehr in Quarantäne. Ein zynischer Entscheid, der die Wirtschaft höher als Menschenleben gewichtet. Ein Kommentar.

Ab Samstag gilt die Quarantänepflicht im Kanton St.Gallen nur noch für Leute aus dem gleichen Haushalt (FM1Today berichtete). Sie sollen nur bei Krankheitssymptomen zu Hause bleiben und sich testen lassen. Laut Kanton ist dieses Vorgehen gerechtfertigt, da die Nachverfolgung der Infektionskette eh nicht mehr machbar sei, täglich 2000 bis 4000 Personen in Quarantäne müssten und «diese hohe Zahl die Betriebe und Unternehmen sehr belasten».

Das ist mehr als zynisch. Statt frühzeitig dafür zu sorgen, dass sich erstens weniger Leute durch strengere Massnahmen anstecken können und zweitens mehr Contact Tracer eingestellt werden, gibt der Kanton St.Gallen faktisch den Kampf gegen das Virus auf. Es ist ja nicht so, dass man diese hohe Zahl der Neuinfektionen nicht hätte kommen sehen können, alle Experten und der Bund warnen schon länger davor.

Der Kanton hat stattdessen immer wieder zugewartet und sich bis zum Schluss gegen die härteren Massnahmen des Bundes von dieser Woche gewehrt. Immer mit der Begründung, dass das Geld fehle und dem Kanton eine hohe finanzielle Belastung bevorstehe.

Dass als Begründung wiederum das Geld und die Belastung der Betriebe und Unternehmen angeführt werden, zeigt vor allem: Dem Kanton geht es in erster Linie um die Wirtschaft. Potenziell Infizierte müssen nicht in die Quarantäne, sie sollen diese Wirtschaft möglichst lange am Leben erhalten – auch wenn sie dafür ihr eigenes Leben oder jenes ihrer Mitmenschen gefährden.

Nicht jede infizierte Person zeigt auch Symptome und wird so zu einem freilaufenden Gefahrenherd für weitere Leute. Die Todeszahlen steigen auch im Kanton St.Gallen stetig an. Vielleicht müsste der Kantonsregierung mal jemand sagen, dass die Wirtschaft nur funktioniert, wenn die Menschen lebendig sind. Mit diesem Entscheid der Regierung wird die Wirtschaft höher gewichtet als Menschenleben. Bezeichnenderweise wurde denn die Mitteilung auch zuerst von der Industrie und Handelskammer St.Gallen verbreitet. Das stellt auch die Frage in den Raum, wer in St.Gallen eigentlich die politischen Entscheide trifft.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 30. Oktober 2020 13:13
aktualisiert: 30. Oktober 2020 13:04