Gastroszene

«Es ist nicht fünf vor zwölf – bei uns ist es halb zwei!»

Sandro Zulian, 23. Oktober 2020, 16:15 Uhr
Viele Bars und Clubs schlossen sich dem Brief an den Stadtrat an. So auch die «August Bar».
© Ralph Ribi / St.Galler Tagblatt
In einem flammenden Appell richtet sich die St.Galler Gastro an den Stadtrat der Kantonshauptstadt. Die Forderung: Verzicht auf die Mehrwertsteuer und eine Ausfallentschädigung. Passiert das nicht, drohen der Gastroszene in St.Gallen zehntausende Entlassungen.

Klingende Namen stehen auf dem Brief, den der St.Galler Stadtrat vor einigen Tagen von den Gastrobetrieben bekommen hat: Mit der Oya Bar, der Südbar, dem Trischli, dem Kugl, dem Netts und sogar mit den Betreibern des Aescher (Gallus Knechtle, Pfefferbeere) und vielen weiteren ist das Who is Who der St.Galler Gastro-Szene vertreten. Sie alle sind vor allem eines: wütend.

«Todesstoss» für die Gastro

Sie haben genug von den Corona-Massnahmen, die die Gastrobetriebe in die Knie zwingen und schreiben: «Die Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter stehen vor dem absoluten Abgrund und dem Ende!» Seit Monaten schon würden sie die Konsequenzen der Pandemie mittragen, hätten viel Herzblut investiert und grosse Summen investiert. Doch alles war umsonst:

Obwohl die Betriebe öffnen dürfen, gingen ihnen wichtige und kostendeckende Einnahmen wegen der Einhaltung der Personenbeschränkung und Abstandsregeln verloren. Ebenso vergraulten Home-Office-Empfehlungen, Quarantäne, das Abraten von Feiern und die Absage von Weihnachtsfeiern die Gäste.

Der Bericht von TVO:

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Quelle: tvo

All das gebe den Beizern «den Todesstoss». Und das, obwohl viele Gastrobetreiber anfangs der Pandemie noch erfinderisch und innovativ wurden, indem sie Home-Delivery, To-Go-Angebote oder Webshops einrichteten, um trotzdem noch einige Einnahmen zu retten.

Verzicht auf die Mehrwertsteuer

«Wir sind am Ende unserer Möglichkeiten», schreiben die Gastronomen nun in dem Brief an den Stadtrat, der FM1Today vorliegt. Die Kurzarbeit sei bestimmt eine sinnvolle Sache für die Wirtschaft, aber nicht für die Dienstleistungsbranche. Viel Arbeit für wenig Ertrag: Das sei seit Monaten die Realität der Gastroszene.

Ausschnitt aus dem Brief, der FM1Today vorliegt.

© zVG

Seit Freitag (FM1Today berichtete) seien die Aussichten sehr düster geworden. Deshalb präsentieren die gebeutelten Beizer klare Forderungen vor der St.Galler Exekutive: Auf die Mehrwertsteuer für das Jahr 2020 soll gänzlich verzichtet werden und eine Ausfallentschädigung von 70 Prozent (abzüglich Kurzarbeitsentschädigung, Versicherungsleistungen und nötigen Zuschüssen) soll den Unternehmen zukommen.

Abschliessend werden die Gastro-Betreiber noch konkreter: «Sollte die Stadt, der Kanton oder der Bund diesen Forderungen nicht nachkommen wollen oder können, befürchten wir, dass in der Gastronomie, Hotellerie und Veranstaltungsbranche bis Ende November/Dezember mehrere 10'000 Mitarbeiter entlassen werden.»

Treffen bereits stattgefunden

Bis kommenden Donnerstag soll die Politik einen «verbindlichen und tragbaren Lösungsvorschlag» auf den Tisch bringen, heisst es im Brief.

Unterschrieben wurde der Brief unter anderem von René Rechsteiner, Präsident des Verbands Gastro Stadt St.Gallen. Auf Anfrage bestätigt der Wirt des Bierfalkens in der St.Galler Innenstadt, dass ein Treffen mit Stadtpräsident Thomas Scheitlin bereits über die Bühne gegangen sei. «Allerdings möchten wir das Ergebnis des Treffens übers Wochenende nochmals überdenken und uns erst nachher in der Öffentlichkeit äussern.»

Beim Gastro-Kantonalverband ist man indes zuversichtlich. Präsident Walter Tobler sagt, man habe auch auf kantonaler Ebene das Gespräch mit der Politik gesucht und gefunden: «Innert 24 Stunden haben wir ein Gespräch mit Regierungsrat Beat Tinner bekommen. Wir haben da ein gutes Gefühl.»

Sandro Zulian
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. Oktober 2020 13:12
aktualisiert: 23. Oktober 2020 16:15