Contact Tracing St.Gallen

«Vor allem Jugendliche legen das Telefon auf»

Vanessa Kobelt, 17. September 2020, 05:50 Uhr
Vor allem Jugendliche erschweren den Contact-Tracer im Kanton St.Gallen die Arbeit.
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Personen anzurufen, um ihnen mitzuteilen, dass sie in Quarantäne müssen, ist nicht gerade ein einfacher Job. Bis zu 400 Anrufe müssen die Contact Tracer pro Tag abfertigen. Der oberste Contact Tracer in St.Gallen, Benni Burkart, wünscht sich, dass Junge sich im Ausgang für eine Bar entscheiden und nur in kleinen Gruppen Party machen.

Es klingelt. Du nimmst den Hörer ab und eine Stimme erklärt dir, dass du die nächsten zehn Tage in Quarantäne musst. Gut möglich, dass die Emotionen in einer solchen Situation hochkochen. Um so wichtiger ist es, dass die sogenannten Contact Tracer viel Einfühlungsvermögen an den Tag legen, wenn sie Personen mit der Hiobsbotschaft konfrontieren. Benni Burkart vom kantonalen Führungsstab St.Gallen ist Projektleiter des Contact Tracings. Er hat mit uns über die Arbeit als «Tracer» gesprochen.

Herr Burkart, Sie haben seit Anfang Juli ihr Team auf vierzig Personen vervierfacht. Wie viele Anrufe am Tag müssen Sie bewältigen?

Es können bis zu 400 Anrufe am Tag sein, die wir tätigen oder entgegennehmen. Sind es sehr viele, werden wir von Zivilschützern oder dem Zivildienst sowie vom Kantonsarztamt unterstützt.

Haben Sie das Gefühl, das System stösst bald an seine Grenzen?

Nein, wir können unser Team jederzeit ausbauen. Die Frage ist aber, wie viel Geld möchte man für das Contact Tracing ausgeben? Die Kantone tragen die Kosten des Contact Tracings selbst. Es ist schwierig zu sagen, wann man die Kontrolle verloren hat und aufhören sollte. Wir haben die Weisung, das Contact Tracing so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Benni Burkart ist Projektleiter des Contact-Tracing in St.Gallen.

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Welches sind die Hauptaufgaben Ihres Teams?

Wird eine Person positiv getestet, bekommen wir eine Meldung vom Kantonsarztamt. Dann informieren wir oder der Hausarzt die Person darüber, dass sie in Isolation muss. Wir versuchen, einerseits die Person psychologisch zu betreuen, andererseits auch herauszufinden, wo sie überall war, mit wem sie Kontakt hatte und wen sie angesteckt haben könnte. Ein erstes Gespräch kann bis zu 30 Minuten dauern. Das Hauptziel dabei ist, die Infektionskette zu stoppen oder zu verlangsamen.

Wie lange dauert es vom positiven Corona-Test bis zu Ihrem Anruf?

Normalerweise wird der Kontakt innert 24 Stunden hergestellt. Am Wochenende kann es passieren, dass sich eine Meldung aus dem Labor verzögert. Das ist aber nicht die Norm.

Ist das ein Fehler im System?

Wir vom Contact Tracing sind der Meinung, je schneller wir sind, desto mehr können wir bewirken. Gerade am Wochenende, wenn man ins Kino oder in den Ausgang geht, muss man die Leute so schnell wie möglich informieren. Wir prüfen aktuell verschiedene Wege, um den Prozess zu beschleunigen. Zum Beispiel hätten wir gerne die Meldung direkt vom Labor, jedoch ist dies aus Datenschutzgründen nicht ganz einfach.

Ist die infizierte Person informiert, müssen Sie deren Umfeld kontaktieren. Wie reagieren die Leute auf Ihren Anruf?

Es gibt durchaus Leute, die Angst haben oder wütend werden und uns sogar mit einer gewissen Aggression begegnen. Dann gibt es auch Selbständige oder viele junge Leute, die sagen, sie könnten jetzt unmöglich in Quarantäne.

Es braucht also viel Einfühlungsvermögen?

Ja, es braucht viel Fingerspitzengefühl. In unserem 40-köpfigen Team, das im Stundenlohn und auf Abruf arbeitet, hat es viel medizinisches Fachpersonal, wie zum Beispiel ehemalige Ärztinnen und Ärzte. Sie haben sich schon vorher jahrelang mit Patienten beschäftigt und sind gut geschult im Umgang mit Menschen. Das kostet zwar etwas mehr, bringt aber in der Betreuung extrem viel.

Was war für Sie bis jetzt die unangenehmste Situation? 

Wir haben im Kanton St.Gallen glücklicherweise nur ein paar wenige Beispiele. Am meisten zu schaffen machten uns bisher Jugendliche, die uns das Telefon aufhängen. In solchen Situationen müssen wir immer stärker Druck machen und zum Beispiel auf den Telefonbeantworter sprechen. Passiert nichts, hat dies eine Meldung beim Kantonsarztamt zu Folge und könnte zu einer Busse oder zu einem Polizeieinsatz führen.

Kam es schon einmal soweit?

Nein, die letzte Karte mussten wir bis jetzt noch nie ziehen und die Polizei musste sich noch nicht einschalten.

Was möchten Sie den Menschen in diesen Zeiten ans Herz legen?

Unser dringender Appell geht vor allem an die junge Generation. Wir verstehen es sehr gut, dass die Jungen Party machen wollen und das sollen sie ja auch. Damit wir unsere Freiheiten aber behalten, muss man sich an ein paar Dinge halten. Dazu gehört, dass man die Veranstaltungen gut auswählt. Heisst: Dass man sich nicht an einem Abend in zehn verschiedenen Bars aufhalten oder in einer Woche fünf Städte besuchen soll. Entscheidet euch für ein paar wenige Orte und macht Party in kleinen Gruppen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 16. September 2020 06:21
aktualisiert: 17. September 2020 05:50