Corona-Impfungen

Walk-in-Impfen: «Leute nehmen lieber Wartezeiten als Bürokratie in Kauf»

Nico Conzett, 20. August 2021, 08:50 Uhr
Die Impfkampagne ist ins Stocken geraten. Mit neuen Strategien versuchen die Kantone nun, Unentschlossene zum Impfen zu bewegen. Im Thurgau funktionieren Spontanimpfungen besonders gut. Graubünden setzt neuerdings auf ein mobiles Impfpostauto, auch in Appenzell Ausserrhoden ist ein mobiles Impfteam unterwegs.
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Quelle: tvo

Eine mittlerweile von den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Graubünden eingesetzte Strategie, um Unentschlossene zur Impfung zu bewegen, sind Spontanimpfungen. Kurzentschlossen kann man sich mittlerweile ohne Voranmeldung über den Mittag oder gar in der Znünipause den Piks in den Oberarm verpassen lassen.

Die Zögernden und Bequemen überzeugen

Nebst überzeugten Impfablehnerinnen und -ablehnern scheint es nach wie vor schwankende oder zögernde Personen und solche, die den organisatorischen Aufwand mit einem vorgegebenen und verpflichtendenden Impftermin bisher als zu grosse Hürde empfanden, zu geben – dieser Ansicht scheinen jedenfalls die Kantone zu sein. Doch sind Spontanimpfungen wirklich ein Bedürfnis der Bevölkerung? Die Resonanz im Kanton Thurgau lässt diesen Schluss zu.

Im Impfzentrum Weinfelden werden die Spontanimpfungen bereits seit Beginn dieser Woche täglich angeboten. Die bisher gemachten Erfahrungen sind für den Kanton durchwegs zufriedenstellend: «Wir nehmen täglich zwischen 90 und 150 Impfungen in den vier Stunden, in welcher die Spontanimpfungen angeboten werden, vor. Das sind gute Zahlen», sagt Thomas Walliser Keel, Infobeauftragter des Kantons Thurgau.

Elektronische Anmeldung zu kompliziert?

Die Gründe für die positive Resonanz in der Bevölkerung sieht Walliser Keel besonders in zwei Punkten: Einerseits in den kürzlich zu Ende gegangenen Sommerferien. Damit sind mehr Leute im Land, die sich potenziell impfen lassen können – und auch bereit dazu sind. Andererseits scheint der bisher erforderliche Anmeldevorgang via Internet für einige doch zu bürokratisch, zu kompliziert oder zu aufwendig gewesen zu sein. «Offenbar nehmen die Leute lieber eine gewisse Wartezeit vor Ort, welche für die Registrierung bei der Impfung anfällt, in Kauf, als die notwendigen Formulare zuhause elektronisch auszufüllen», so die Einschätzung von Walliser Keel.

Mit dem Impfpostauto durch Graubünden

Eine besonders kreative Möglichkeit, um die Impfzahlen nach oben zu schrauben, hat sich der Kanton Graubünden ausgedacht: Mit einem mobilen Impfpostauto düst ein Team während eines knappen Monats durch den ganzen Kanton und macht in 38 Gemeinden Halt, um der Bevölkerung die Impfung quasi auf dem Silbertablett zu servieren. «Das Postauto soll einen einfachen Zugang zur Impfung, aber auch kostenlose Impfberatung für Unentschlossene bieten», sagt Daniel Camenisch, Leiter der Kommunikationsstelle Coronavirus des Kantons Graubünden.

So sieht das neue Bündner Impfpostauto aus.
© Gesundheitsamt Graubünden

Gerade in Graubünden, wo die Distanzen zu den regionalen Impfzentren verhältnismässig gross sind, sei es nachvollziehbar, dass Leute aus entfernteren Tälern aufgrund organisatorischer Gründe bisher auf die Impfung verzichtet hätten. «Je weiter weg die Leute wohnen, desto grösser ist die Hürde, sich impfen zu lassen», so Camenisch.

Ein weitere Option, welche in Graubünden seit Kurzem verfügbar ist, ist die Impfung via Arbeitgeber mit kantonalen Impfequipen. «Die Betriebe können sich beim Gesundheitsamt melden und dann wird gemeinsam das weitere Vorgehen koordiniert.» Gleiches sei auch für Schulen möglich, erklärt Camenisch weiter.

Impfkampagne gewinnt wieder an Fahrt

Wie im Thurgau spüren auch die Bündner, dass die Sommerferien vorüber sind und wieder mehr Menschen in der Schweiz sind – und bereit, sich impfen zu lassen. «Viele Leute haben ihren Impftermin in den Sommerferien abgesagt oder verschoben, weil sie den zweiten Termin nicht in den Ferien wollten.» Seit dem Ende der Sommerferien habe die Impfkampagne so wieder an Fahrt gewonnen – in Kombination mit dem Spontanimpfungsangebot und einer Kommunikationskampagne, sagt Camenisch.

Auch Ausserrhoden bekommt einen Impfbus

Auch die anderen Ostschweizer Kantone versuchen sich mit spontanen Impfangeboten. In Appenzell Ausserrhoden hat man versuchsweise die Idee der Bündner übernommen – in Walzenhausen, Reute und Urnäsch gastiert an ausgewählten Daten ein mobiles Impfteam. Ausserrhoden hat ebenfalls positive Erfahrungen gemacht. Am vergangenen Mittwoch wurden in Herisau und Heiden erstmals Dosen ohne Voranmeldung verimpft, insgesamt machten fast 300 Leute von dem Angebot Gebrauch.

Im Kanton St.Gallen werden ebenfalls je länger je mehr Walk-In-Impfangebote aufgebaut. In der Stadt St.Gallen werden seit dem 14. August spontan Spritzen gesetzt, in Wil seit dem 16. August und in Buchs und Rapperswil-Jona wird demnächst damit begonnen.

Nico Conzett
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 20. August 2021 05:41
aktualisiert: 20. August 2021 08:50
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