Nach Güterzug-Entgleisung

«Das ist der bislang schwerste Unfall im Gotthard-Basistunnel»

11.08.2023, 17:20 Uhr
· Online seit 11.08.2023, 16:30 Uhr
Wegen eines entgleisten Güterzugs ist der Gotthard-Basistunnel auf unbestimmte Zeit blockiert. Fotos zeigen zerstörte Waggons, abgerissene Schienen und zerstreutes Transportgut im längsten Eisenbahntunnel der Welt. Die SBB geht von einem Defekt am Zug als Ursache aus.
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Das Ausmass des Unfalls ist auch mehr als 24 Stunden nach dem Unglück noch unklar. Die SBB konnte die Unfallstelle im Gotthard-Basistunnel noch nicht genauer anschauen, hiess es am Freitag an einer Medienkonferenz in Bellinzona. Die Unfallstelle sei von den Untersuchungsbehörden noch nicht freigegeben worden.

Klar ist aber: Bei der Multifunktionsstelle Faido sind die Einrichtungen, mittels derer die Züge von einer in die andere Tunnelröhre wechseln können, durch den Unfall stark beschädigt worden. Der Tunnel bleibt für den Bahnverkehr aus Sicherheitsgründen gesperrt – wie lange noch, können die Bundesbahnen nicht sagen.

Ein Teil des Schienenverkehrs kann zwar über die alte Gotthard-Bergstrecke umgeleitet werden, trotzdem ist in den kommenden Tagen mit erheblichen Einschränkungen zu rechnen. Die SBB-Verantwortlichen vermuten ein Problem am Zug als Ursache des Unfalls. Die Gleisanlagen und die Weichen im Tunnel seien in Ordnung gewesen, sagte Rudolf Büchi, stellvertretender Leiter Infrastruktur der Bundesbahnen.

Experte: Rad- oder Achsbruch könnte Ursache gewesen sein

«Ein Rad- oder Achsbruch in der Komposition könnte den Zug so beeinträchtigt haben, dass er beim Kontakt mit der Weiche an der Multifunktionsstelle Faido aus den Gleisen sprang», sagt Walter von Andrian, Herausgeber und Chefredakteur der «Schweizer Eisenbahn-Revue», auf Anfrage der Today-Redaktion. Auf den von der SBB gezeigten Fotos sind nach Einschätzung von Andrians Schäden an mehreren Güterwaggons zu sehen, deren Seitenwände durch die Entgleisung aus den Verankerungen gerissen wurden.

Die SBB hat am Freitag über die Entgleisung eines Güterzugs im Gotthard-Basistunnel informiert. Wie lange die Behebung des Schadens dauern wird, ist noch unklar. Geplant ist, den Bahnbetrieb nächste Woche in einer Tunnelröhre wieder aufnehmen zu können. Von Spontanreisen am Wochenende ins Tessin wird abgeraten:

Quelle: SBB / CH Media Video Unit

Entscheidend für die Aufräumarbeiten sei nun, wie schwer die Waggons und die Schienen beschädigt wurden. Sind Waggons und Gleis zerstört, sei es weitaus schwieriger, sie aus der engen Tunnelröhre zu holen, so von Andrian weiter. Je nach Ausmass der Schäden könne es auch sein, dass man die Güterwagen in Einzelteilen bergen und heraustransportieren müsse. «Das ist der bislang schwerste Unfall im Gotthard-Basistunnel», sagt der Chefredakteur der Eisenbahn-Revue.

Gravierender seien die möglichen Schäden an der Bahninfrastruktur. Durch eine Entgleisung könnten Schwellen brechen und das Gleis abgerissen werden, erklärt von Andrian. Auch könnten die Kabelschächte für Strom und Steuerungselektronik in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Ein Problem ist ausserdem das Spurwechseltor in Faido, das von einem Güterwaggon zerstört wurde.

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Mehrere Fehlerquellen kommen infrage

Was die Gründe für den Unfall angehen, lautet gemäss einem Bahn-Insider die entscheidende Frage: War ein Problem am Zug die Ursache oder lag es an der Infrastruktur im Tunnel? Auf Grund des Schadenbildes müsse es am Rollmaterial gelegen haben, für Reisezüge habe deswegen keine Gefahr bestanden, versicherte SBB-Infrastruktur-Vizechef Büchi vor den Medien am Freitag.

Güterzüge seien komplexer aufgebaut als ihre Pendants für die Personenbeförderung, sagt der Bahn-Insider gegenüber der Today-Redaktion. Eine Güterzug-Komposition bestehe aus Waggons unterschiedlicher Herkunft, für die jeweils verschiedene Höchstgeschwindigkeiten gelten.

Der Lokführer orientiere sich gemäss der Informationen, die er vor der Abfahrt bekommt, an der tiefsten erlaubten Höchstgeschwindigkeit in seiner Komposition. Diese gebe er dann ins System ein, das das Tempo im Gotthardtunnel regelt. Möglich wäre es etwa, dass bei dieser Eingabe der Höchstgeschwindigkeit ein Fehler unterlief und damit ein höheres Risiko für eine Entgleisung resultierte.

Eine andere mögliche Ursache der Entgleisung könnte der erwähnte Rad- oder Achsbruch sein. Allerdings: Bei der automatischen Kontrolle des Zugs in Claro wurden laut SBB keine Probleme etwa bei den Rädern oder bei der Ladung festgestellt. Die Kontrollanlage hätte sonst eine Einfahrt des Zugs in den Tunnel verhindert.

Wie es dennoch zur Entgleisung kommen konnte, damit beschäftigt sich jetzt die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust). «Im Tunnel wurden Fragmente eines Rades gefunden, das einem Güterwagen zugeordnet werden konnte», sagte Christoph Kupper, Leiter des Bereiches Bahnen und Schiffe bei der Sust, am Freitagabend dem «Blick». Zur Ursache des Radbruchs wolle sich Kupper zum jetzigen Zeitpunkt nicht festlegen. Das Rad könne aufgrund einer Übermüdung gebrochen sein. Möglicherweise spiele aber auch ein Fremdkörper eine Rolle. Die Bruchstücke würden jetzt genauer untersucht.

veröffentlicht: 11. August 2023 16:30
aktualisiert: 11. August 2023 17:20
Quelle: Today-Zentralredaktion

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