Schweiz

«Nothelfer wiederholen, statt abschaffen»

«Nothelfer wiederholen, statt abschaffen»

05.09.2017, 12:09 Uhr
· Online seit 05.09.2017, 12:03 Uhr
Das Strassenverkehrsamt will den Nothelferkurs, den jeder Neulenker vor der Fahrprüfung absolvieren muss, abschaffen. Aus Sicht der Rettungskräfte ein grosser Fehler. Denn diese wünschen sich ein beherztes Eingreifen der Ersthelfer.
Stephanie Martina
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Seit 40 Jahren ist der Nothelferkurs für jeden Neulenker vor der Fahrprüfung Pflicht. Nun zweifeln jedoch die kantonalen Strassenverkehrsämter am Erste-Hilfe-Kurs und wollen ihn abschaffen. Neu soll das Wissen über die Hilfe im Notfall nicht mehr praktisch geübt werden, sondern nur noch Bestandteil der Theorieprüfung sein. Ihre Forderung begründen sie damit, dass die Strassen in den vergangenen Jahren sicherer geworden sind und heute jeder ein Handy besitzt, sodass die Rettungskräfte schnell vor Ort sind. Bei Günter Bildstein, Leiter der Rettung St.Gallen, ist dieses Vorhaben ein Schritt in die falsche Richtung.

Herr Bildstein, ist es aus Sicht der Rettungskräfte sinnvoll, den Nothelferkurs abzuschaffen?

Nein. Der Bereich Erste Hilfe wird jetzt schon vernachlässigt und mit der Abschaffung der Nothelferkurse verschwindet das Thema und die Sensibilisierung dafür noch mehr. Wir erleben bereits heute, dass weniger geholfen wird. Die Leute stehen manchmal einfach daneben und machen womöglich sogar noch Fotos, statt Erste Hilfe zu leisten. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass der Nothelferkurs - vor allem der Bereich Reanimation - öfter wiederholt wird, statt abgeschafft.

Warum helfen die Anwesenden nicht?

Viele haben das Gefühl, dass Erste-Hilfe-Massnahmen schwierig sind. Aber das sind sie üblicherweise nicht – nicht einmal Wiederbelebungsmassnahmen. Viele Leute haben Angst – oder zumindest Respekt – davor, bei der Ersten Hilfe etwas falsch zu machen. Man darf auch nie vergessen, dass jedes Notfallereignis überraschend kommt und als Ersthelfer ist man persönlich betroffen. Wir verstehen, dass deshalb eine Hemmschwelle da ist, deshalb versuchen wir durch die Anweisungen des Disponenten, der die Notrufzentrale 144 betreut, den Helfern die Angst zu nehmen und sie anzuleiten.

Wie funktioniert diese Anleitung per Telefon?

Die Notrufzentrale 144 reagiert auf den Trend der rückläufigen Bereitschaft zu helfen, indem nach der Notrufabfrage und Alarmierung des Rettungsdienstes telefonische Erste-Hilfe-Anweisungen bis hin zur Reanimation gegeben werden. Der Disponent leitet also die Ersthelfer durch die Erste Hilfe. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.

Kann man mit Erster Hilfe die Lage verschlimmern und Ihren Einsatzkräften die Arbeit zusätzlich erschweren?

Das kennen wir nicht. Es gibt viele Leute, die beherzt helfen und darüber sind wir sehr froh. Man kann in diesen Situationen nichts falsch machen. Auch aus rechtlicher Sicht ist es völlig unbedenklich zu helfen. Es ist kein Fall bekannt, bei dem es rechtliche Konsequenzen für Hilfeleistende gegeben hat. Deshalb ist es immer besser, zu helfen, als nichts zu tun.

Welche Konsequenzen hätte die Abschaffung des Nothelferkurses auf ihre Arbeit in der Rettung?

Für unsere Rettungssanitäter würde es relativ wenig ändern. Denn sobald der Rettungsdienst am Unfallort eintrifft, übernimmt er das Management. Für die Verunfallten ist es allerdings ein Problem, wenn zwischen dem Unfall und dem Eintreffen der Rettungskräfte nichts passiert, weil niemand Erste Hilfe leistet. Das kann die Situation für die Betroffenen verschlechtern. Deshalb wünschen wir uns, dass die Leute den Mut haben, einzugreifen und bestmöglich zu helfen.

 
Nicht nur an vorderster Front bei den Rettungssanitätern sorgt für Kopfschütteln. Auch beim Bundesamt für Unfallverhütung (bfu) hält man Nothelferkurse weiterhin für sinnvoll. Praxis sei das A und O. «Es zeigt sich, dass der Erinnerungseffekt mit praktischen Übungen immer noch am höchsten ist und so mehr vom Gelernten im Gedächtnis bleibt», sagt Marc Bächler, Sprecher des bfu, gegenüber «SRF». Auch wenn die Zahl der Todesopfer auf Strassen stetig sinke: «Jedes Opfer auf der Strasse ist eines zuviel. Deswegen ist es gut, wenn Auofahrende wissen, wie sie sich zu verhalten haben.»

(stm)


veröffentlicht: 5. September 2017 12:03
aktualisiert: 5. September 2017 12:09

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