Hellseher oder Scharlatan?

«Mike Shiva war von seiner Gabe überzeugt»

Vanessa Kobelt und Ines Schaberger, 23. September 2020, 16:38 Uhr
Hellseher Mike Shiva starb letzte Woche im Alter von 56 Jahren an Krebs.
Der im Fernsehen bekannt gewordenen Schweizer Wahrsager Mike Shiva begeisterte vor seinem Tod viele Menschen mit seiner Empathie. Doch diese hatte stets ein Preisschild. Alles nur Scharlatanerie? Religions- und Sektenexperte Georg O. Schmidt weiss, warum Hellseher wie Mike Shiva die Massen begeistern.

TV-Wahrsager Mike Shiva hatte in der Schweiz Kult-Status. Spätnachts im Privatfernsehen bestand seine Wahrsagerei darin, den Leuten gut zuzuhören und ihnen bei Entscheidungen zu helfen. Stets mit viel Menschenkenntnis und Empathie. Doch zog er seinen Anhängern nur das Geld aus der Tasche oder glaubte er wirklich, was er sagte? Religions- und Sektenexperte Georg O. Schmid, der seit 2014 die evangelische Sekten- und Esoterikberatungsstelle «relinfo» leitet, spricht im «Gott und d’Welt»-Podcast über das Phänomen Mike Shiva.

Georg O. Schmid ist Religionsexperte und arbeitet seit 1993 bei der evangelischen Informationsstelle «relinfo».

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Herr Schmid, Sie sind Mike Shiva selbst einmal begegnet. Was war er für ein Mensch?

In der Schweiz gibt es hunderte Menschen, die sich im hellsehenden Business bewegen. Mike Shiva war ein ganz besonderer. Zum einen, weil er sehr früh gestartet ist. Er war mit 16 Jahren der jüngste Massenhypnotiseur in der Schweiz. Zum anderen schaffte er es, seine Prominenz bis zu seinem Tod aufrecht zu erhalten. Mithilfe seines Kopftuches und der Sonnenbrille hatte er sich zu einer Marke entwickelt. Mike Shiva war aber auch ein sehr gewinnender Mensch. Er wirkte selbst dann noch sympathisch, wenn er schlimme Schicksale voraussagte.

Welche Tricks verwenden Hellseher wie Mike Shiva, um Leute für sich zu gewinnen?

Ein Betrüger in dem Sinne war Mike Shiva nicht, denn jeder, der ihn gekannt hat, weiss, dass er ehrlich von seinen hellseherischen Fähigkeiten überzeugt war. Bei seinen Beratungen war er sich einer hohen Trefferquote sicher. Dies hätten ihm auch seine Kunden regelmässig bestätigt. Hierbei ist das Problem, dass sich im Normalfall fast nur die zufriedenen Kunden für ein Feedback melden und die negativen Rückmeldungen im Verborgenen bleiben. Dies nennt man den «Aschenputtel-Effekt». Die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Kröpfchen.

Ein weiteres Problem ist, dass sowohl der Wahrsager als auch der Kunde wollen, dass die Aussagen stimmen. Also drehen beide die Antworten so lange, bis sie passen. Man nennt das auch den «Blut-im-Schuh-Effekt». Auch das stammt aus dem Märchen «Aschenputtel», wo der Fuss auf den Schuh zugeschnitten wird.

Kann Wahrsagerei, wie sie Mike Shiva betrieben hat, gefährlich sein?

Hochproblematisch wird es dann, wenn man den Menschen Angst macht. Mike Shiva legte auch Karten und prophezeite Schlechtes, obwohl die Kunden ihre Situation noch als halbwegs hoffnungsvoll beschrieben. Glaubt man solche Prophezeiungen, können sie sich bewahrheiten.

Warum dennoch viele Menschen auf Wahrsagerei vertrauen, und warum diese auch nicht weit weg von Sekten und Verschwörungtheorien ist, davon handelt die aktuelle Folge des «Gott und d’Welt»-Podcasts.

Vanessa Kobelt und Ines Schaberger
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 24. September 2020 10:02
aktualisiert: 23. September 2020 16:38