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Spitzguuge

Rassismus – und dann? Wie der Fussball das Diskriminierungs-Geschwür loswird

Dominic Ledergerber, 25. August 2021, 12:55 Uhr
Die unschönen Szenen im Anschluss an das Spiel zwischen St.Gallen und Sion (1:1) beschäftigen die Swiss Football League, die gegen das Heimteam ein Verfahren eröffnet hat. Doch wie kriegt man Rassismus und Diskriminierung aus den Stadien? Sportjournalist Dominic Ledergerber meint: «Im Kampf gegen Rassismus müssen auch die Fankurven Zivilcourage zeigen.»
Setzt der Espenblock nun ein Zeichen? Es wäre wünschenswert und wichtig.
© Keystone

Die provozierende Geste von Sion-Goalie Timothy Fayulu (22) in Richtung der St.Galler Fans mag wohl Stein des Anstosses gewesen sein, aus dem der U21-Nationalgoalie sicherlich seine Lehren ziehen wird. Aber: Sie muss zwingend losgelöst davon betrachtet werden, was sich danach abspielte und derzeit die Swiss Football League (SFL) beschäftigt.

Wurde der Genfer im Sittener Tor von St.Galler Fans rassistisch beleidigt, als Affe beschimpft? Und falls ja, wie können solche abgrundtief beschämenden und diskriminierenden Vorfälle in Zukunft vermieden werden?

Fayulu selbst hat zumindest auf die erste Frage eine eindeutige Antwort, seine Statements zierten am Tag nach der Super-League-Partie im Kybunpark (1:1) die Titelseiten der Sonntagszeitungen und Online-Portale. Seine Aussagen sind emotional – und glaubwürdig.

Offen ist aber, ob sie für eine Verurteilung des FC St.Gallen reichen, wie sie der FC Sion und sein Präsident Christian Constantin (64) fordern.

SFL in der Zwickmühle

Dass die SFL nach den schweren Anschuldigungen der Walliser ein Verfahren eröffnet, versteht sich von selbst. An der Liga ist es nun, Beweise zu finden, die es möglicherweise nicht gibt. Zumindest konnte Matthias Hüppi keine finden – der FCSG-Präsident brachte den kompletten Sonntag damit zu, die Videos rund um das Spiel gegen Sion zu sichten, er stellte das umfangreiche Bildmaterial auch der SFL umgehend zur Verfügung und wandte sich via Communiqué an die Öffentlichkeit: «Dass unsere eigenen Werte mit Füssen getreten werden, lassen wir nicht zu.»

Seitens des FC Sion wird nichtsdestotrotz verlangt, dass «der Gerechtigkeit Genüge getan» wird, wie es Vize-Präsident Gelson Fernandes (34) ausdrückte. Und genau deshalb sitzt die Liga nun in der Zwickmühle: Stellt sie das Verfahren gegen den FC St.Gallen aus Mangel an Beweisen ein, wird man sie daran aufhängen, Rassismus zu tolerieren.

Sollte sie die Espen hingegen auf der Basis von Fayulus Aussagen büssen – die Regularien von Fifa und Uefa sehen für diskriminierende Äusserungen wie die angeblich vorliegenden Geldstrafen in der Höhe von mindestens 20'000 Franken vor – geraten die Clubs in den Würgegriff einiger Unbelehrbarer, die sich in der Anonymität der Massen verstecken.

Oder ist im Stade de Tourbillon etwa noch nie ein Zuschauer nach einem Glas zu viel in diskriminierender Weise ausfällig geworden?

Die Gesellschaft als Ganzes ist gefragt

Bei der Lösung des Problems sollte jedoch die Glaubwürdigkeit eines Spielers wie Fayulu genauso wenig im Zentrum stehen wie die Frage, wessen Fans sich wann, wie oft und in welcher Form der Diskriminierung schuldig gemacht haben. Mit Punktabzügen und Geisterspielen, wie sie der FC Sion verlangt, werden solche abgrundtief beschämenden und diskriminierenden Vorfälle jedenfalls nicht aus den Schweizer Stadien verschwinden.

Stattdessen ist die Gesellschaft als Ganzes gefragt. Wenn Fayulu im Kybunpark rassistisch beleidigt wurde, müssen es zumindest diejenigen Personen mitgekriegt haben, die sich in Hörweite des Rassisten befanden. An diesen Zuschauern ist es, die fehlbare Person dem FC St.Gallen zu melden, auf dass dieser dafür sorgen kann, dass die Heimspiele der Espen fortan ohne Rassisten im Publikum ausgetragen werden.

Der «Espenblock» sollte ein Zeichen setzen

Genau dieser Mechanismus schlug beim letzten Vorfall dieser Art fehl: Als FCZ-Stürmer Aiyegun Tosin (23) als «Mohrenkopf» verunglimpft wurde, zeichneten dies die TV-Mikrofone gut hörbar auf, worauf der FC St.Gallen zu einer Geldbusse verurteilt wurde. Ein Stadionverbot, wie man sich das wünschen würde, konnte jedoch deshalb nicht verhängt werden, weil der «Mohrenkopf»-Rufer gedeckt wurde.

Die St.Galler Zuschauer nun unisono als Rassisten abzustempeln, wäre aber genauso diskriminierend. Überdies bewies der «Espenblock», wie sich die Fankurve hinter dem Tor nennt, dass sie durchaus über selbstregulierende Strukturen verfügt: Als einige «Fans» in ihren Reihen während des Europa-League-Qualifikationsspiels 2018 gegen Sarpsborg ihre Hand zum Hitlergruss erhoben, wurden sie von der Kurve unsanft ausgespuckt.

Vielleicht ist es beim Heimspiel vom kommenden Samstag gegen den FC Zürich erneut an der Zeit, dass der «Espenblock» ein Zeichen setzt. Nicht in Form von Gewalt gegen Rassisten, sondern eines Statements, dass Diskriminierung und Rassismus im Kybunpark keinen Platz haben. Und in Form von Zivilcourage, auf dass das Diskriminierungs-Geschwür im Schweizer Fussball für immer verschwinden mag.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 25. August 2021 09:58
aktualisiert: 25. August 2021 12:55