Die fünf Stufen der Lernphase

Dario Brazerol, 2. Juni 2019, 09:12 Uhr
Ähnlich wie diesem jungen Mann geht es auch vielen anderen Studenten in der Lernphase.
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An den Schweizer Hochschulen sind die Sommersemester schon fast passé. Das Einzige, was der Freiheit noch im Wege steht, sind die Prüfungen. Die Zeit der Lernphase ist angebrochen.

Es ist die wohl intensivste Zeit, die ein Student im Semester durchmachen muss: die Lernphase. In dieser Zeit lernen die jungen Menschen ihre Mitstudenten aber auch sich selbst auf eine andere Weise kennen. Gestresst, abgearbeitet und vielleicht sogar ein bisschen schmuddelig. Der angestrebte Erfolg fordert seinen Tribut, bei jedem auf eine andere Art. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie alle durchleben die fünf unvermeidbaren Stufen der Lernphase.

Phase 1: Das Leugnen

Während des Semesters scheinen die Prüfungen so weit weg, wie die Errichtung der ersten Pyramiden oder der Fall des Römischen Reiches. Und auch am letzten Schultag gehört es noch immer zum guten Ton, nicht auch nur einen Finger krumm, beziehungsweise eine Pflichtlektüre durchgeblättert zu haben. Prüfungen? Easy.

Phase 2: Der Zorn

Irgendwann rafft man sich dann doch auf und verschafft sich einen groben Überblick. Dieser besteht in der Regel aus neun Büchern Pflichtlektüre, drei wissenschaftlichen Arbeiten und zwölf Gastreferaten, welche zwar prüfungsrelevant aber ohne Zusatzmaterialien sind. In diesem Moment setzt der Selbsthass ein und man fragt sich, warum man so ist, wie man ist.

Phase 3: Das Verhandeln

In dieser Phase werden Abstriche gemacht, Kompromisse eingegangen und Versprechen an eine höhere Macht gesandt. Wo kann ich wie das Beste aus meiner Misere machen und wo muss ich mir eingestehen, dass Hopfen und Malz verloren ist. Tunlichst davon abzuraten ist es, in dieser Situation einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Die Geschichte lehrt uns, dass dies meist nach hinten losgeht.

Phase 4: Die Depression

Die Prüfungen stehen nun unmittelbar vor der Tür. Die Tage werden länger, die Nächte kürzer. Schlaf, Kaffee und eine Kuscheldecke in der persönlichen Nische in der Hochschulbibliothek sind nun die teuersten Güter. Denn Sinn hinter all dem siehst zu diesem Zeitpunkt keiner mehr und die Überlegung, nach der Exmatrikulation als Matrose anzuheuern und in den tosenden Wellen der arktischen See hinauszuziehen, scheint immer verlockender. Das Licht am Ende des Tunnels? Es ist aus.

Phase 5: Die Akzeptanz

Es wurde geleugnet, gewütet, verhandelt und geweint. Nach dieser Achterbahnfahrt der Gefühle ist man dafür bereit, dem Schicksal ins Auge zu sehen. Wenn es klappt – gut. Wenn nicht – auch ok. Man hat das Beste gegeben und kann sich (meistens) nicht vorwerfen, unvorbereitet zu einer Prüfung erschienen zu sein. Das muss vorerst reichen.

Sind die Prüfungen dann geschafft, schaut man zurück und fragt sich, wieso man sich eigentlich so einen Stress gemacht hat. War doch ganz easy. Und doch, in einem halben Jahr geht der Zyklus der fünf Stufen wieder von neuem los. Ihn zu durchbrechen, das hat bis heute noch kein Student geschafft.

Dario Brazerol
Quelle: dab
veröffentlicht: 2. Juni 2019 07:11
aktualisiert: 2. Juni 2019 09:12