Schwieriges Jahr

Brechen Corona und Streaming den Ostschweizer Kinos das Genick?

Christoph Fust, 18. Dezember 2020, 08:04 Uhr
Leidet unter der Coronakrise: das Cinewil. (Archiv)
© Tagblatt
Das Coronajahr war für die Kinobranche eine Tragödie. Zur Pandemie hinzu kommt, dass die Studios ihre Filme immer öfter auf ihren Streaming-Portalen anbieten. Für die Kinos, die auf neue Filmstoffe angewiesen sind, eine nervenaufreibende Herausforderung.

Das Jahr ist gelaufen für die Schweizer Kinos: Am vergangenen Samstag mussten sie per Bundesratsentscheid schliessen, momentan geplant bis mindestens am 22. Januar 2021. Die Branche schaut auf ein hartes Jahr zurück. Das Hauptproblem war dabei nicht der Lockdown vom Frühling, sondern die Zeit danach.

Massaker an der Kinokasse

«Nach der Wiedereröffnung halbierten sich die Zahlen. Nach der Maskenpflicht im Kino verzeichneten wir noch 20 Prozent der üblichen Besucherzahlen», sagt Felicitas Zehnder, Geschäftsleiterin des Cinewil. Auf das ganze Jahr gesehen habe sich die Besucherzahl im Vergleich zu 2019 halbiert.

Noch härter hat es das Kino City in Uzwil getroffen, welches laut Geschäftsführer Pascal Nussbaum nur zehn Prozent der Vorjahreseinnahmen gemacht hat. «Die Leute haben ihr soziales Leben eingeschränkt und auf Kinobesuche verzichtet», sagt er. Besonders aufgefallen sei dies im Herbst: «In den drei Herbstferienwochen sind die Besucherzahlen allmählich wieder gestiegen, doch als dann der Bundesrat auf den Ernst der Lage aufmerksam machte, tauchten sie schlagartig.»

Swisscom Blue Cinemas (ehemals Kitag), welche in Abtwil das Cinedome betreibt, äussert sich auf Anfrage nicht zu Besucherzahlen.

Die schmerzhafte Macht der Streamingportale

Doch für die Kinos lauert noch eine andere Gefahr, welche langfristig noch weitreichendere Folgen als Corona haben könnte. Vergangene Woche kündigte das US-Filmstudio Warner Bros. an, dass es sämtliche Filme für das Jahr 2021 gleichzeitig mit dem Kinostart auch auf seiner Streamingplattform HBO Max veröffentlichen wird.

Diese ist in der Schweiz zwar (noch) nicht verfügbar, weshalb die Kinos darauf hoffen, alleiniger Anbieter solcher Grossproduktionen wie «Matrix 4», «Godzilla vs. Kong» oder «Dune» zu sein. Pascal Nussbaum schätzt die Situation trotzdem kritisch ein: «Einerseits macht mir die Entwicklung natürlich Sorgen. Andererseits haben wir mit Warner Bros. nun immerhin Planungssicherheit, denn sie haben transparent kommuniziert, was sie vorhaben.»

Dies sei beispielsweise bei Disney ganz anders gewesen. Für die Realverfilmung von «Mulan» hätten die Kinos während eines halben Jahres gratis die Werbetrommel gerührt mit Trailern und Plakaten, nur um dann mitzuerleben, dass Disney den Blockbuster auf seine Streamingplattform Disney+ abzügelt. Ohne Vorwarnung, ohne Entschädigung. Der Frust vieler Kinobetreiber war gross.

Sorge über fehlende Strategie der Studios

Bei Blue Cinemas ist man darüber besorgt, dass scheinbar keiner der Filmlieferanten wisse, was aktuell zu tun sei. «Entsprechend experimentieren alle ein wenig. Wir werden sehen, wie und wo sich dies einpendelt, wenn das ‹normale› Leben weltweit wieder Einzug hält. Derzeit ist die Situation so, dass der Kinomarkt faktisch fehlt. Und ohne einen Markt ist es relativ schwierig, eine Strategie festzulegen», sagt Olivia Willi von der Pressestelle.

Schweizer Kinos geben momentan 50 Prozent der Filmeinnahmen an die Verleiher ab. Nussbaum kann sich vorstellen, dass diese Abgabe in Zukunft sinkt, weil die Filmstudios nebenher mit Streaming Kasse machen. In den USA würden momentan die Weichen dafür gestellt. Allerdings sei er als Kinobetreiber schlicht in einer schwächeren Position: «Um die grossen Kisten kommt ein Kino nicht herum. Ich muss die Filme zeigen, welche die Leute erwarten.»

Wichtige Filme fehlten

2020 fehlten wegen Corona wichtige Publikumsmagnete wie zum Beispiel der James-Bond-Streifen «Keine Zeit zu sterben». Die Studios haben die Premieren immer wieder verschoben oder auf Streamingdienste gepackt. Grosse Hoffnungen wurden in «Tenet» gesteckt, der Science-Fiction-Thriller von Warner Bros. sollte das Zugpferd einer ganzen Branche werden. Im Cinewil war die Schweizer Produktion «Platzspitzbaby» der erfolgreichste Film. Ein Vergleich mit 2019 sei aber schwierig, da der Film nicht ganz ausgespielt werden konnte.

Noch ist unklar, ob Warner Bros. die Strategie mit dem gleichzeitigen Veröffentlichen der Filme im Kino und im Internet auch nach dem Jahr 2021 fortführen will. Der Trend hin zum Streaming wäre jedoch auch ohne Corona eingetreten, ist Nussbaum überzeugt. Die Pandemie habe die Sache nur noch beschleunigt. In Zukunft sind deshalb Ideen gefragt, wie die Kinos trotz oder Seite an Seite mit Streamingangboten überleben können.

Grosse Hoffnungen für nach der Pandemie

Besondere Situationen erfordern flexibles Denken, heisst es von den Blue Cinemas: «Wir müssen uns wieder neu erfinden, wie das seit den 60er Jahren der Fall ist.» Innovativ gibt sich auch das Cinewil. «Vor der Schliessung präsentierten wir als Erste das ‹Kino à la carte› mit Wunschfilmen für Gruppen ab vier Gästen. Dieses Angebot bauen wir allenfalls aus», sagt Felicitas Zehnder. Auch würden die Synergien mit Café und Bar, welche momentan immerhin bis 19 Uhr geöffnet sein dürfen, genutzt.

Zehnder ist fest davon überzeugt, dass die Kinos überleben werden: «Im Kinosaal werden Emotionen erzeugt, wie sie ein Fernseher zu Hause – und sei er noch so gross – nicht bieten kann.» Als Beispiel nennt sie den «Tatort», welcher vor dem Lockdown jeweils am Sonntagabend live übertragen wurde. «Dunkler Saal, keine störenden Einflüsse, volle Konzentration auf das Geschehen. Das geht unter die Haut und ist Filmgenuss pur.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 18. Dezember 2020 08:04
aktualisiert: 18. Dezember 2020 08:04