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Nach Morddrohungen

Neue Impfstrategie in Churer Schulen – in anderen Kantonen kein Thema

Nico Conzett, 5. Oktober 2021, 19:27 Uhr
Die Stadt Chur will an den Schulen impfen – diese Ankündigung sorgte für heftige Reaktionen, gar Morddrohungen wurden ausgesprochen. Die Stadt befürwortet die Schulimpfungen aber weiterhin und setzt sie ein wenig anders um. In anderen Kantonen sind Impfungen an Schulen kein Thema.
Der Piks sorgt weiterhin für Diskussionen: In Chur mussten Schulimpfungen wegen massiven Drohungen abgesagt werden.
© KEYSTONE/Ti-Press/PABLO GIANINAZZI

Die Reaktionen waren heftig: Ab Montag sollte in der Stadt Chur ein mobiles Impfteam unterwegs sein, um Schülerinnen und Schüler vor Ort zu impfen. Das ursprünglich geplante Vorhaben scheiterte aber – die Reaktionen von Impfgegnern waren derart drastisch, dass Chur nun eine diskretere Umsetzung der Impfungen an Schulen verfolgt.

Impfstrategie an Schulen wegen Drohungen geändert

Die Jugendlichen, welche sich in Chur für die Schulimpfung angemeldet haben, rund 100 an der Zahl, bekommen nun dezentral in anderen Impfstellen ihren Oberarm-Piks. Dies vor allen Dingen, um die Sicherheit von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Impfpersonal zu gewährleisten. Denn gewisse Reaktionen liessen tatsächlich eine mögliche Bedrohung vermuten: «Gegen Angestellte der Impfteams wurden Drohungen gegen Leib und Leben ausgesprochen», sagt Patrik Degiacomi, zuständiger Churer Stadtrat, gegenüber FM1Today.

Auch wenn das Risiko, dass tatsächlich etwas passieren würde, wohl klein gewesen sei, habe man sich vorsichtshalber entschieden, das Impfvorgehen anzupassen.

Extreme Reaktionen waren «schockierend»

Degiacomi sagt, dass man zwar mit negativen Reaktionen gerechnet habe, dass diese allerdings so extrem ausgefallen sind, sei «schockierend» gewesen. Der Stadtrat betont, dass die Rückmeldungen auf die Schulimpfungen grossmehrheitlich positiv gewesen seien. Es sei mittlerweile meist das gleiche Muster: «Es gibt eine grosse Mehrheit, die die Schutzmassnahmen wie die Impfung begrüsst, einige, die dagegen sind, aber andere Ansichten akzeptieren können und eine militante Minderheit, die auch vor heftigen Drohungen nicht zurückschreckt.»

Der Churer Stadtrat äussert den Verdacht, dass es sich bei den extremen Impfgegnern um einzelne federführende Personen handelt, welche in einschlägigen Chatgruppen Stimmung machen und mobilisieren. Diese würden jeweils jedes einzelne Schreiben kennen, welches aus ihren Reihen versendet wurde. «Es ist wohl eine kleine, aber laute Gruppierung, welche versucht jene zu bedrängen, zu stören und einzuschüchtern, die sich aus freien Stücken für eine Impfung entscheiden – das ist natürlich nicht akzeptabel.»

Kein Thema im Kanton Thurgau

Während man die Schulimpfungen in Graubünden als einfaches, niederschwelliges Angebot betrachtet, um Jugendlichen den Zugang zur Impfung zu ermöglichen, hält man im Kanton Thurgau wenig von dieser Idee. «Es gab bisher im Parlament keinerlei Diskussionen bezüglich einer solchen Option», sagt Markus Zahnd, Leiter des Informationsdienstes des Kantons Thurgau. Es würden genug niederschwellige Angebote existieren, mit welchen Jugendliche Zugang zur Impfung hätten. Die Schule erachte man nicht als den richtigen Ort dafür.

Ähnlich klingt es in Appenzell Ausser- und Innerrhoden – auch wenn man in Ausserrhoden Schulimpfungen gegenüber nicht grundsätzlich abgeneigt ist. Weil im ganzen Kanton mobile Impfequipen unterwegs waren, habe es an den Volksschulen kein zusätzliches Angebot mehr gebraucht, sagt Andreas Disch, stellvertretender Leiter des kantonalen Kommunikationsdienstes Appenzell Ausserrhodens, gegenüber FM1Today.

An den zwei Schulen der Sek II-Stufe (Kantonsschule und Berufsbildungszentrum) konnten sich die Schülerinnen und Schülern bei den mobilen Equipen melden. Gemäss Disch wurde dieses Angebot rege genutzt.

Einverständnis der Erziehungsberechtigten wird in allen Kantonen vorausgesetzt

In Innerrhoden verzichtet man aus demselben Grund auf spezifische Impfprogramme an Schulen. «Die Kapazitäten sich auf normalem Weg zu impfen sind genügend gross und spezielle Optionen für Schulen nicht nötig», sagt Norbert Senn, Leiter des Volkschulamts Innerrhoden, auf Anfrage von FM1Today.

Einig sind sich sämtliche Kantone in einer Frage: Wenn Kinder ab zwölf Jahren – an Schulen oder eben nicht – geimpft werden, soll dies zwingend mit Einverständnis der Eltern geschehen. «Wir wollen auf keinen Fall Kinder und Eltern gegeneinander ausspielen», so Norbert Senn. Grundsätzlich wäre es in der Schweiz möglich, dass Kinder ab zwölf Jahren selbständig entscheiden, ob sie sich impfen lassen möchten oder nicht.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 5. Oktober 2021 19:57
aktualisiert: 5. Oktober 2021 19:27