«Prix Suisse»

Ex-US-Präsident Bill Clinton in Bern: «Ich liebe diese Stadt»

12.11.2023, 18:56 Uhr
· Online seit 12.11.2023, 12:13 Uhr
Der einst mächtigste Mann der Welt stattete Bern am Samstagabend einen Besuch ab. Anlässlich der Verleihung des «Prix Suisse» sprach der ehemalige US-Präsident Bill Clinton über den Nahostkonflikt, die Ukraine und Donald Trump. Ein Stimmungsbericht.
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Hoher Besuch aus den Vereinigten Staaten von Amerika: Mit tosendem Applaus wird Bill Clinton am Samstagabend auf der Bühne des Kursaals Bern empfangen. Dort erwartet ihn bereits SRF-Moderator Urs Gredig. Um die Bühne herum stehen überall Männer in Anzügen, die im Dresscode der 200 geladenen Gäste aber kaum auffällig sind.

Doch der Fall ist klar: Die Sicherheit des ehemaligen US-Präsidenten ist beim Anlass das oberste Gebot. Seit Tagen hausiert in der Bundesstadt der Secret Service. «Wir mussten garantieren, dass von der vordersten Reihe keine Gefahr ausgeht», witzeln die Veranstaltenden später auf der Bühne.

Bill Clinton liebt die Stadt Bern

«Ich liebe diese Stadt», sagt Clinton zu Beginn. «Ich bin heute einige Stunden durch die Stadt spaziert.» Das sorgt nicht nur bei Gredig für Verwunderung. «Wirklich? Sie spazierten durch Bern?»

Während des 30-minütigen Keynote-Interviews wird es dann aber schnell ernst: Der Krieg im Nahen Osten und der Krieg in der Ukraine stehen auf der Agenda. Zu den terroristischen Hamas, die Israel am 7. Oktober überfielen, findet der Politiker deutliche Worte. «Die Führer der Hamas leben in Luxus in Doha.» Gleichzeitig leide die palästinensische Zivilbevölkerung. «Die Hamas braucht unglückliche Menschen, um Erfolg zu haben.»

Das Publikum hört gespannt zu. Clinton wirkt etwas zittrig, spricht mit leicht kratziger Stimme. Das gerät jedoch bei seinen mitreissenden Erzählungen in den Hintergrund. Die Zuhörenden erleben einen nachdenklichen, aber grundsätzlich optimistischen Präsidenten.

Videoaufnahmen sind während seiner Rede nicht erlaubt. Nur ausgewählte Fotografinnen und Fotografen dürfen ihn ablichten. Clintons Presseteam muss jedoch jeden einzelnen Schnappschuss freigeben – die Freigabe der Bilder wird sich bis Sonntagabend verzögern.

Lösung im Nahost-Konflikt dringend notwendig 

Der 42. Präsident, der zwischen 1993 und 2001 die USA regierte, erzählt von seiner Amtszeit. Da fanden Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern statt. Der Friedensprozess scheiterte. Die neusten Entwicklungen zeigen, dass man auch heute weit weg davon entfernt ist, dass es im Konflikt Frieden gibt.

Quelle: Reuters / CH Media Video Unit / Ramona De Cesaris / Beitrag vom 23.10.2023

Israel reagierte auf die neueste Terrorattacke mit Bombardements und einer Bodenoffensive im Gazastreifen. Dabei starben auch Zivilistinnen und Zivilisten. Zur heutigen Situation sagt Clinton: «Wir müssen die Gewalt stoppen. Wir müssen aber sicherstellen, dass Israel nicht mehr attackiert werden kann.»

Es brauche im Nahost-Konflikt dringend eine Lösung, etwa in Form einer Zweitstaaten-Lösung. «Oder man kann sich weiterhin gegenseitig umbringen. Das ist aber die dümmste Idee.»

Kritik an machtbesessenem Putin 

Bezüglich der Ukraine stellt Gredig eine kritische Frage. Der SRF-Journalist will wissen, welche Verantwortung der Ex-US-Präsident für den Konflikt trage. Schliesslich habe sich die Nato während seiner Präsidentschaft stark in den Osten von Europa verbreitet – und damit mutmasslich Russland provoziert.

Clinton kann bei dieser Frage nur den Kopf schütteln. Russland hätte den gleichen Weg wie andere osteuropäische Staaten einschlagen sollen, so der Ex-Präsident. Statt ein Silicon Valley ausserhalb von Moskau aufzubauen und selbst in die Nato einzutreten, sei das Geld in der russischen Aristokratie versandet.

Ein grosses Problem spiele dabei Putin. «Er hätte ein guter und progressiver Leader werden können.» Schliesslich sei der russische Präsident ein schlauer Mann. «Das Problem mit gewählten Präsidenten ist aber, dass sie Präsident auf Lebenszeit sein wollen.»

Clinton stärkt Biden den Rücken

Gredig schwenkt bei diesem Stichwort zu Donald Trump, der sich nächstes Jahr wieder für das Amt des amerikanischen Präsidenten zur Verfügung stellen will. Sein Kontrahent Joe Biden ist 80 Jahre alt, Trump 77. «Ist es für eine Demokratie gut, wenn zwei alte Männer antreten?», will Gredig vom 77-jährigen Bill Clinton wissen.

Dieser muss schmunzeln: «Ich war der zweitjüngste US-Präsident bei meiner Wahl, nun bin ich der Älteste in diesem Raum.» Dann geht er auf die Frage ein: In der Theorie möge das tatsächlich so sein. «Doch wir leben in der Realität. In der Theorie wäre es auch besser gewesen, wenn Hillary Präsidentin geworden wäre.»

Clinton ist dennoch überzeugt, dass Biden es noch einmal schaffen wird. «Und das ist auch gut so.» Schliesslich könne er überzeugen. «Die Kritik, die er erhält, ist überzogen und teilweise lächerlich.»

Während Clinton spricht, zählt auf der Empore ein Timer runter. Die Zeit eines ehemaligen Präsidenten ist kostbar. Am Ende wird dann aber doch noch einige Minuten überzogen.

Gredig will von Clinton, der sich als Optimisten bezeichnet, wissen, was ihm in dieser Welt Hoffnung mache. «Es ist der Fortschritt der letzten 30 Jahre.» Früher habe beim Thema «Klimaschutz» jeder in den USA schräg geschaut, nun ist dessen Bekämpfung Alltag. «Es gibt mir Hoffnung, wenn Menschen zusammenarbeiten und bemerkenswerte Dinge auf die Beine stellen.»

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veröffentlicht: 12. November 2023 12:13
aktualisiert: 12. November 2023 18:56
Quelle: BärnToday

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