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St.Gallen

Pfannen-Angreifer erschossen: Polizisten vor Gericht – Kriminologe erwartet Freispruch

23. November 2021, 08:22 Uhr
Zwei St.Galler Stadtpolizisten müssen sich am Dienstag vor dem Kreisgericht St.Gallen wegen versuchter Tötung und mehrfacher schwerer Körperverletzung verantworten. Die beiden Männer hatten bei einem Einsatz an der St.Galler Speicherstrasse im September 2020 auf einen Angreifer geschossen, der eine Frau totgeschlagen hatte.
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Quelle: tvo

Sieben Schüsse hatten die Polizisten im September 2020 jeweils abgefeuert. Ihr Ziel: Einen 22-Jährigen zu stoppen, der mit einer Pfanne auf den Kopf einer am Boden liegenden Frau einschlug. Die Beamten riefen dem jungen Mann zu, er solle aufhören und aus der Wohnung, in der sich die Tat abspielte, herauskommen. Dieser reagierte aber nicht und die Polizisten eröffneten das Feuer. Der Schuss eines Polizisten traf den Angreifer am Hinterkopf und tötete ihn sofort. Die 46-jährige Frau erlag im Spital einem schweren Schädel-Hirn-Trauma.

Unklar, aus welcher Waffe tödlicher Schuss stammt

Wie bei Schussabgaben der Polizei üblich, hatte die Anklagekammer des Kantonsgerichts die Ermächtigung für ein Verfahren erteilt. Vor dem Kreisgericht St.Gallen müssen sich die beiden Polizisten nun wegen versuchter Tötung und mehrfacher schwerer Körperverletzung verantworten. Laut Anklageschrift ist es nicht möglich, festzustellen, aus welcher Waffe der tödliche Schuss stammt.

Die Staatsanwaltschaft stellt zwei alternative Anträge. In einem wird gefordert, dass die Polizisten der versuchten Tötung und mehrfachen schweren Körperverletzung freigesprochen werden. Im anderen Antrag wird ein Schuldspruch gefordert.

«Bei diesem Verfahren müssen die objektiven Sachverhalte geklärt werden», sagt der Diplom-Kriminologe und forensische Prognostiker Karl Weilbach gegenüber TVO. «Es wird sich die Frage stellen, ob es keine andere Möglichkeit wie eine Schussabgabe gab.» Ein gezielter Todesschuss könne zum Einsatz kommen, um einen Täter von weiteren Handlungen abzuhalten. Polizistinnen und Polizisten seien für solche Krisensituationen geschult. Trotzdem sei eine Intervention dieser Art eine «bittere Erfahrung» für jede Beamtin und jeden Beamten.

«Täter-Opfer-Umkehr ist nur schwer auszuhalten»

Die angeklagten Polizisten waren in einer rettenden Rolle tätig. «Diese Rettung war tragischerweise nicht wirkungsvoll. Mit dem Prozess kommt es nun zu einer Art Täter-Opfer-Umkehr, was nur schwer auszuhalten ist», sagt der Kriminologe. Er erwartet und hofft auf einen Freispruch für die beiden Männer. «Das kann sehr wichtig sein, um das Erlebte zu verarbeiten.»

Im Falle einer Verurteilung droht den Polizisten eine Freiheitsstrafe von 13 Monaten. Dabei sei ein bedingter Strafvollzug unter einer Probezeit von zwei Jahren zu gewähren, heisst es in der Anklageschrift.

Psychische Probleme und Drogeneinfluss

Täter und Opfer sollen sich gemäss der Staatsanwaltschaft nicht gekannt haben. Die Auswahl der Wohnung und des Opfers sollen demnach zufällig erfolgt sein. Der 22-jährige Täter war offenbar zeitweise in psychiatrischer Behandlung. Wenige Stunden vor der Tat soll er aus einem einwöchigen Aufenthalt in einer Psychiatrie entlassen worden sein, wie der «Blick» schreibt. Aus diesem Grund wurde auch ein Verfahren gegen die Klinik eingeleitet. Der 22-Jährige soll ausserdem zum Tatzeitpunkt unter Drogen gestanden haben.

(red.)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. November 2021 05:32
aktualisiert: 23. November 2021 08:22