FCSG-Zwischenbilanz

Zeidlers «Schulklasse» besteht die Reifeprüfung

Dominic Ledergerber, 8. Oktober 2019, 08:53 Uhr
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Die Jungen um Leonidas Stergiou haben eine grosse Zukunft.
© Keystone
Nach einer Siegesserie und dem attraktiven 0:0 gegen Basel verbringt der FC St.Gallen die Länderspielpause auf Platz drei. Schon jetzt werden die jungen Juwelen, die in dieser Mannschaft zahlreich sind, intensiv beobachtet. Kann man sie halten? Oder muss Peter Zeidler im Sommer wieder eine neue «Schulklasse» übernehmen? Eine Einschätzung von Sportjournalist und TVO-Moderator Dominic Ledergerber.

Selten hatte der Kybunpark so gebebt wie an diesem frühen Sonntagabend gegen Basel (0:0). Sieben der elf Spieler in der St.Galler Startelf waren 21-jährig oder im Falle von Leonidas Stergiou gar noch nicht einmal volljährig. Besonders in der ersten Halbzeit spielten sie den Leader vom Rheinknie an die Wand, bis zum Pausenpfiff standen ein Schussverhältnis von 10:3 und stehende Ovationen auf der Habenseite.

Am Ende jubelten fast 17'000 Fans über ein 0:0, das in seiner Attraktivität kaum zu überbieten war. Dass der FC St.Gallen den Platz erstmals nach vier Super-League-Spielen nicht als Sieger verliess, verkam zur Randnotiz, weil die jungen Espen die Herzen ihrer Fans mit einer bissig-aggressiven und dominanten Spielweise zu erobern wussten.

Dabei ist der Zuschauer immer noch im Begriff, sich an Namen wie Ruiz, Fazliji, Letard, Muheim oder Görtler zu gewöhnen. Oder wie Trainer Peter Zeidler (57) vor dem Saisonstart sagte: «Die Mannschaft ist zu grossen Teilen neu, ich werde einige Partien brauchen, um einschätzen zu können, was möglich ist.»

Der ehemalige Französisch-Lehrer aus Schwäbisch-Gmünd übernahm im Sommer also eine fast neue «Schulklasse». Und er wird sich hüten, seine «Schüler» über den grünen Klee zu loben. Er sagt nur: «Unsere Leistung wurde genug gewürdigt. Wir haben eine positive Entwicklung genommen und müssen diese weiter bestätigen. Deshalb schauen wir nur auf das nächste Spiel.»

Die Kehrseite des Erfolgs

Unter die vielen Zuschauer mischten sich auch am Sonntagnachmittag wieder zahlreiche Spielerscouts, die von den Leistungen dieser St.Galler Mannschaft längst Notiz genommen haben. Klar ist: Je besser die Espen am Ende der Saison klassiert sind, desto schwieriger wird es, das Team zusammenzuhalten. «Abgänge gibt es immer», sagt Captain Silvan Hefti (21), «mit unserer Philosophie vielleicht sogar noch mehr als anderswo. Deshalb geht es vor jeder Saison darum, sich so schnell wie möglich wieder zu finden.»

Der Goldacher spielt bereits seine fünfte Profisaison beim FC St.Gallen, seine zweite als Captain. Der jüngste Erfolg kommt für Hefti, der am Sonntag mit einer Knieprellung ausgewechselt werden musste, nicht überraschend: «Wir haben uns bewusst Zeit genommen, zusammen zu wachsen und ein Spielsystem zu verinnerlichen, von dem wir alle überzeugt sind. Den Ertrag sieht man jetzt.»

Auch Präsident Matthias Hüppi (61) fürchtet sich nicht vor der Kehrseite des Erfolgs. «Die meisten Spieler haben längerfristige Verträge. Und Partien wie jene gegen Basel zeigen ihnen, dass es etwas Besonderes ist, beim FC St.Gallen spielen zu dürfen.»

Sutters Auge

Eine langfristige Zusammenarbeit wünscht sich St.Gallens Präsident aber nicht nur mit den Spielern, sondern auch mit Trainer und Sportchef. Peter Zeidlers Vertrag verlängerte Hüppi im Sommer vorzeitig bis 2022 und mit Alain Sutter (51) hat er einen langjährigen Compagnon an seiner Seite, von dessen Qualitäten er geradezu begeistert ist. «Alain hat ein einzigartiges Auge für Spieler, die uns weiterbringen können», lobt Hüppi.

Sutter ist in St.Gallen erstmals Sportchef. Und manchmal hat man den Eindruck, als könnte man den Ex-Nationalspieler hinter dessen Rollkragenpullover leise fluchen hören, wenn wieder jemand ob seines sofortigen Erfolgs als Sportchef überrascht ist. Spieler wie Jordi Quintilla, Victor Ruiz, Lukas Görtler oder Yannis Letard hat er dort gefunden, wo kaum einer sucht. Sie alle prägen den FC St.Gallen heute als Leistungsträger.

Doch Alain Sutter ist ein Mann der Tat, besonders wenn die Mannschaft – wie aktuell – sportlich erfolgreich ist. Er sagt: «Im Sport interessiert heute keinen mehr, was gestern war. Das ist die Mentalität, die die Spieler verinnerlichen müssen – und es ist an uns, sie vorzuleben.»

«Ein Prozess, der Hoffnung macht»

Zehn von insgesamt 36 Meisterschaftsspielen sind mit dem 0:0 gegen Basel absolviert, der dritte Zwischenrang ist eine schöne Momentaufnahme und Anlass zur Frage, wohin die Reise diesmal führen wird. Präsident Matthias Hüppi versprach, sich nach zehn Spielen erstmals zu dieser Frage zu äussern. Nun sagt er: «Die Mannschaft ist in einem Prozess, der Hoffnung macht, aber noch längst nicht zu Ende. Ich möchte zudem betonen, dass bei uns nicht nur junge Talente spielen, sondern auch erfahrene Akteure eine wichtige Rolle spielen – es wächst etwas zusammen.»

In der Tat ist die Zusammensetzung in dieser Mannschaft vielversprechend. Sie wird sich aber in einer Negativspirale erst noch beweisen müssen. Einspruch gibt es hierbei vom jüngsten Routinier. «Ich wehre mich gegen die Behauptung, dass Junge automatisch mehr verunsichert sind, wenn es nicht läuft. Qualität ist keine Frage des Alters», sagt Silvan Hefti. Es ist ein Satz, den Sportchef Alain Sutter schöner nicht hätte formulieren können. Einigkeit und Bodenständigkeit sind in den Tagen der Euphorie vielleicht die wichtigsten Tugenden des FC St.Gallen.

Schliesslich ist ein dritter Tabellenplatz genauso wenig selbstverständlich wie der Saisonrekord von fast 17'000 Fans gegen Basel. «Solche Momente sind für uns Gold wert, da nach guten Auftritten mehr Fans ins Stadion kommen. Das bedeutet: Eine Kulisse wie gegen Basel muss sich die Mannschaft verdienen», sagt Matthias Hüppi.

Gegen den FCB hat Peter Zeidlers neue «Schulklasse» die Reifeprüfung abgelegt – und bestanden. Nach dem Schlusspfiff waren die St.Galler Profis die einzigen, die eher zwei verlorenen Punkten nachzutrauern schienen, als sich über das Remis gegen die derzeit wohl stärkste Mannschaft der Schweiz zu freuen. Und wer mit einem solchen Selbstverständnis auf den Platz geht, braucht vor keiner Prüfung Angst zu haben.

Höchste Zuschauerzahlen im Kybunpark:

1. 19'500 FCSG 1:1 Basel 7. April 2013
19'500 FCSG 0:0 Basel 22. Mai 2011
19'500 FCSG 1:3 FC Zürich 25. Oktober 2009
19'500 FCSG 2:0 Basel 12. Juli 2009
19'500 FCSG 3:2 Winterthur 30. Mai 2009

6. 18'841 FCSG 2:1 Basel 25. August 2012

7. 18'790 FCSG 1:2 Luzern 20. April 2019

8. 18'509 FCSG 0:3 Basel 1. April 2017

9. 18'360 FCSG 1:2 Grasshoppers 29. Mai 2013

10. 18'346 FCSG 0:3 Basel 4. Mai 2014

11. 17'572 FCSG 2:4 YB 8. April 2018

12. 17'546 FCSG 3:0 FC Zürich 16. Mai 2016

13. 17'457 FCSG 2:2 Basel 15. März 2015

14. 17'283 FCSG 2:1 Lugano 1. Dezember 2008

15. 17'197 FCSG 1:2 Lausanne 5. April 2010

16. 16'963 FCSG 1:4 Grasshoppers 6. Februar 2011

17. 16'951 FCSG 2:3 Valencia 7. November 2013

18. 16'912 FCSG 0:0 Basel 6. Oktober 2019

Dominic Ledergerber
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 8. Oktober 2019 08:11
aktualisiert: 8. Oktober 2019 08:53